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Zurück

Folge #9:
Zurück in die Zukunft

Ein Beitrag von
04-09-2020

Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert ist hochaktuell – das findet zumindest die Cembalistin Elina Albach. Mit ihren Programmen sprengt sie die Grenzen eines klassischen Konzerts – und baut zu barocker Musik auch gern mal Rap-Lyrics von Kae Tempest oder Texte des Schriftstellers David Foster Wallace ein. Und das hat mehr mit dem Streaming-Giganten Spotify und dem Post-Genre-Trend zu tun, als man denkt.

Es gibt eine Playlist auf Spotify, die einem den perfekten Soundtrack liefern will fürs, nun, Gehen. Genauer gesagt: für das Lässig-eine-Straße-entlang-Spazieren. Diese Hintergrundmusik nennt sich “Walk Like a Badass” und hat 1,8 Millionen Follower. Für jede erdenkliche Lebenssituation hat der Streaming-Anbieter Spotify eine Sammlung aus Songs parat: Frühstück, Dusche, Workout, Regenspaziergang. Eine der beliebtesten Playlisten ist “Your Favorite Coffeehouse” mit mehr als 3,7 Millionen Hörer*innen – Musik, die “nett” das Kaffeekränzchen untermalt, ohne nennenswert aufzufallen. “Life Sucks” für die Tiefpunkte im Leben zählt 2,7 Millionen Fans, und, für die monatlichen Tiefpunkte von Frauen, “The PMS Playlist”, mit rund 220.000 Followern. Die Wiedergabelisten sind mal von Algorithmen zusammengerechnet, mal von Redakteur*innen kuratiert.

“Naja, ‘alte Musik’ klingt nun mal nicht besonders sexy!”

Auf den ersten Blick haben diese Playlisten des Streaming-Dienstes so gar nichts zu tun mit der Arbeit der Cembalistin Elina Albach, die Musik aus dem 17. und 18. Jahrhundert modern inszeniert – und doch ist ihre Herangehensweise mit der von Spotify vergleichbar: Sie sammelt und präsentiert Musik nach Themen geordnet. Von einem Schwerpunkt ausgehend gestaltet sie ihre Konzertprogramme. “Ich beginne bei einem inhaltlichen Gedanken, der aus der Barockmusik kommt, und konzipiere dazu Texte und Musikstücke – ob die aus dem 17. oder 21. Jahrhundert stammen, ist dabei weniger entscheidend. Relevant ist, dass ein Bogen über die Dramaturgie gespannt wird”, sagt sie. Dies spiegelt auch den eigentlichen historischen Zweck der Barockmusik als „Gebrauchsmusik“ wider, welche stets im Dienst weltlicher oder sakraler Funktionen und Anlässe stand.

Foto: Philipp Müller

Damit möchte Albach zeigen, wie hochaktuell Musik von etwa 1600 bis 1750 ist, also sogenannte Alte Musik – wobei sie selbst diesen Begriff lieber meidet. “Naja, ‘alt’ klingt nun mal nicht besonders sexy!”, sagt sie und lacht. Vor allem: Ab wann beginnt etwas, alt zu sein? Sind die Beatles, die die heutige Popmusik nach wie vor beeinflussen, aber vor einem halben Jahrhundert aktiv waren, ‘alt’? Für Albach jedenfalls ist jede Musik im Moment der Aufführung zeitgenössisch, egal wann sie komponiert wurde.

Gott und die Welt im Barock und Hip-Hop

Ihr #bebeethoven-Projekt “Traumwerk” etwa dreht sich um das Thema Vergänglichkeit – einem Grundmotiv im Barock. Gesellschaftliche Umbrüche, Kriege und Epidemien hatten damals großes Leid über die Menschen gebracht. Der Dreißigjährige Krieg wütete. Sentenzen wie “Memento mori” („Gedenke, dass du sterben musst“) und Carpe diem („Nutze den Tag“) sollten Trost spenden, trotz Pein und Ungewissheit das Leben bestmöglich zu gestalten, auch wenn alles Irdische noch so sinnlos erschien.

„In den Gedankengängen damaliger Dichter, zum Beispiel Simon Dach oder Andreas Gryphius, sehe ich Bezüge zur heutigen jungen Generation”, sagt Albach. “Zum Beispiel an der Art und Weise, wie man sein eigenes Dasein und Handeln reflektiert, dass man etwas Sinnvolles machen will. Lebensqualität ist wichtig, man ist nicht mehr bereit, sein ganzes Leben für die falschen Dinge herzugeben. Wie wichtig Zeit an sich ist!“

„Das konventionelle klassische Konzert hat mich immer mehr gelangweilt und frustriert. Man kann doch das Publikum nicht so allein lassen!“

Als Albach in der Vorbereitung für “Traumwerk” auf Rap-Lyrics stieß, stellte sie fest, dass es viele Gemeinsamkeiten zwischen Texten aus dem Barock und aus dem Hip-Hop gab, in denen das Thema Vergänglichkeit auch eine zentrale Rolle spielt. Im Hip-Hop verarbeitete die black community Diskriminierungserfahrungen und verwandelte ihre Wut und Verzweiflung ebenfalls in Musik. Alle Gewalt und alles Unheil im Diesseits – Gott wird es schon richten, so der Tenor. Dieser nach Transzendenz suchende Ausdruck steht thematisch dem barocken Vanitas-Gedanken nahe. Also integrierte Albach in ihr Programm Texte der britischen Rapperin Kate Tempest oder auch des Schriftstellers David Foster Wallace.

Intimität statt Stillsitzen

Für das Feld der “Alten Musik” ist das wegweisend. “Ich habe das Gefühl, dass barocke Musik sehr zeitgemäß ist, aber in einer Nische versackt. Das hat damit zu tun, dass sie nicht so präsentiert wird, wie es bei ihrer Entstehung gedacht war. Deshalb hat mich das konventionelle klassische Konzert immer mehr gelangweilt und frustriert. Man kann doch das Publikum nicht so allein lassen!”

Albach meint damit die Präsentationsform: zu intime Musik in zu großen Konzertsälen in zu starren Formen. Allein schon wegen der kleinen Besetzung wurde die Musik dieser Epoche für kleine Räume geschrieben, vergleichbar mit heutigen Wohnzimmer-Jams von Singer-Songwritern oder Steh-Partys, auf denen die Leute quatschen und tanzen.

“Ich liebe an barocker Musik ihre Zugänglichkeit und Unmittelbarkeit! Ihre Intensität geht sofort ins Herz. Vor allem, wenn man in einem intimen Rahmen beisammensitzt”

Trotzdem wird barocke Musik meistens in Konzertsälen vorgetragen, die jedoch erst in der späteren Epoche der Klassik aufkamen. Wenn Albach an das stille Sitzen, die Nase im Programmheft, das brave Klatschen, die vielen Pausen, den Graben zwischen Musiker*innen und Publikum denkt, schüttelt sie sich. “Diese Art von Konzert interessiert mich nicht und steht der Musik oft im Wege”, sagt sie. “Mein Job als Künstlerin ist es, die Zuhörer*innen ein, zwei Stunden lang in eine andere Welt zu entführen, im Prinzip wie im Kino. Ich verbringe gemeinsame Zeit mit dem Publikum in einem Raum, deswegen möchte sowohl das Publikum als auch den Raum einbinden.” Das Ziel ist immer: eine Geschichte zu erzählen.

Mit ihrem Ensemble CONTINUUM entwickelt Albach dafür Konzepte: Die Leute sitzen wieder näher beieinander, auf einer Ebene, oft im Kreis um die Künstler*innen herum wie bei Straßenmusik, Licht und elektro-akustische Elemente wie etwa Lautsprecher werden in die Show integriert, die Beschaffenheit des Raumes genutzt, Unterbrechungen vermieden, Überraschungen eingebaut, wie etwa ein Schlagzeugsolo, das vermutlich niemand bei einem Konzert von “Alter Musik” erwarten würde.

Foto: Marco Borggreve

Für Albach entspricht das dem Charakter der Musik. “Ich liebe an barocker Musik ihre Zugänglichkeit und Unmittelbarkeit! Ihre Intensität geht sofort ins Herz. Vor allem, wenn man in einem intimen Rahmen beisammensitzt”, sagt Albach.

Mood is the new genre

Die 29-jährige Berlinerin ist mit barocker Musik aufgewachsen. Ihr Vater ist Kirchenmusiker und Organist. Diese Musik prägte das Alltagsleben der Familie. Sie verbrachte als Kind viel Zeit beim Musizieren in Kirchen, lernte im Alter von fünf Jahren, Cembalo zu spielen. Ihre Augen leuchten, wenn sie davon erzählt: Es ist Albach eine Herzensangelegenheit, diese Musik in die Gegenwart zu holen.

“Ich glaube, dass es für ungeübte Ohren heute viel schwerer ist, einen Beethoven zu verstehen, als ein Geigenstück aus dem 17. Jahrhundert”

Mit ihrem Ansatz könnte sie dabei durchaus auch über die Grenzen des Klassikbetriebs hinaus Erfolg haben. Albachs Arbeit passt in unser Zeitalter des Post-Genre, also der Auflösung der Grenzen zwischen Genres, wie etwa Rock, Jazz oder Soul – und eben auch Klassik. Falls diese jemals voneinander trennbar waren, so sind sie es spätestens seit dem Internet, allerspätestens aber seit dem Musikstreaming endgültig nicht mehr. Bestes Beispiel dafür ist ein Popstar der Stunde: Billie Eilish. Kritiker*innen bissen sich die Zähne aus, den Stil des Teenie-Idols nach bekannten Mustern zu beschreiben – ihre Vorliebe für Trap, Grunge und Gothic, ihre minimalistischen Electro-Sounds, ihre laszive Hauchstimme, ihre Raumanzug-artigen XXL-Klamotten. Die Musikdatenbank Allmusic listet bei Billie Eilish die Stile Pop, Indie, Electronic, Alternative Singer/Songwriter, Alternative/Indie Rock. Nichts davon gibt eine Ahnung, wie ihre Musik klingt. Post-Genre ist ein Hinweis darauf, wie sehr sich unser Musikhören verändert hat: Weg von Subkulturen und Interessengemeinschaften hin zu Diversität und Vernetzung, und das oft abhängig von Situation und Stimmung – womit sich wiederum der Kreis zu den Playlisten schließt. „Mood is the new genre“ heißt die neue Formel des Musikhörens.

Für Albach hat die Musik zwischen 1600 und 1750 viel mehr mit heutigem Pop zu tun als die gesamte Klassik dazwischen. “Ich glaube, dass es für ungeübte Ohren heute viel schwerer ist, einen Beethoven zu verstehen, als ein Geigenstück aus dem 17. Jahrhundert”, findet Albach. “Barocke Musik ist viel freier. Gerade das Improvisieren beim Stylus Phantasticus ist teilweise so verrückt und extrem – ich finde, das passt schon sehr gut in unsere Zeit.”

Das Cembalo erwies sich immer wieder als poptauglich. Stars wie Björk, Arcade Fire oder Florence + the machine bauten das Instrument ein.

Die Musik der Alternative-Rock-Bands Radiohead und Muse beispielsweise ist durchaus mit barocker Musik vergleichbar in Länge, Aufbau, Klang. Ein Song von Muse etwa dauert gerne mal fünf bis zehn Minuten (eigentlich ein Todesurteil für jeden Pop-Titel), statt der üblichen Struktur aus sich wiederholenden Strophen und Refrains setzen Muse immer wieder eins drauf, angereichert mit so gut wie einem ganzen Orchester – dramatisch und pompös.

Und nebenbei: Das Cembalo erwies sich immer wieder als poptauglich. Stars wie Björk, Arcade Fire oder Florence + the machine bauten das Instrument ein, Avantgarde-Künstlerinnen wie Julia Holter und Joanna Newsom besonders prominent. Albach hat schon für Lee Ranaldo von Sonic Youth im Studio Cembalo eingespielt. Bei allem heutigen Nischendasein ist in Vergessenheit geraten, dass das Cembalo jahrhundertelang das wichtigste Instrument neben der Orgel war. Noch Beethoven hat Aufführungen seiner Sinfonien teilweise vom Cembalo aus geleitet.

Die Verbindung zwischen Himmel und Erde

Für ihr Abschlussprojekt bei #bebeethoven hat Albach sich an ihr absolutes Lieblingswerk aus dem Barock herangetastet: “Marienvesper” von Claudio Monteverdi. “Für mich ist das eine überirdische Komposition. Es ist die Verbindung zwischen Himmel und Erde!”, sagt Albach und strahlt. Das Sakralwerk war bei seiner Veröffentlichung im Jahr 1610 ein Novum: Zwischen den traditionellen Psalmen setzte Monteverdi Concerti – für die damaligen Konventionen unerhört! –, bei allen Stücken wechselt die Besetzung stark. Musikwissenschaftler*innen gibt das vielschichtige Werk noch heute Rätsel auf.

Foto: Philipp Müller

Albach übersetzt nun Monteverdis Innovationskraft in die Gegenwart, indem sie “Marienvesper” verflechtet mit “Vespers for A New Dark Age”, einem Werk der gefeierten New Yorker Komponistin Missy Mazzoli aus dem Jahr 2015. Mazzoli schrieb es als säkulare Antwort auf die liturgische Tradition der Vesper. Eine “verzerrte, wilde, blasphemische Herangehensweise”, sagt Mazzoli selbst im Album-Booklet. Ihr Ziel war, aus der religiösen Praxis des Abendgebets eine Bedeutung für die Gegenwart zu erkunden: Welches sind die Dämonen unseres „neuen dunklen Zeitalters“? Welche Rolle spielen Rituale (noch) in unserem Leben? Gibt es in einer technologischen Welt Raum für das Übernatürliche? All das sind Fragen, die auch Albach beschäftigen. In der Barockmusik tut sich für sie eine ganze Welt auf. “Mich reizt besonders, dass in dieser Musik so viele Gefühle und Stimmungen stecken”, sagt Albach. Und das ist zeitlos.

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