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„Irgendwann geht einem das Gewese um diese idealisierte Figur auf die Nerven“

Ein Beitrag von
13-05-2020

Der künstlerische Leiter Steven Walter steht Rede und Antwort:

Was will #bebeethoven?

Ariana Zustra: Das Fellowship-Programm #bebeethoven versammelt aufregende und aufstrebende Künstler*innen. Wie habt ihr die Fellows gefunden und nach welchen Kriterien habt ihr sie ausgewählt?

Steven Walter: Gemeinsam mit den Projektpartnern haben wir nach Künstler*innen gesucht, die klare und originelle Visionen für ihr musikalisches Handlungsfeld hatten. Darüber hinaus war die, sagen wir, „Beethoven’sche Unbedingtheit“ ein wesentliches Kriterium – also der unbedingte Wille, den eigenen Weg zu gehen, komme was wolle. Es wurden nicht arrivierte und bereits stark profilierte Künstler*innen gesucht, sondern vielversprechende Kreative genau an jenem biographischen Sweetspot, an dem ein solches Programm einen echten Impuls bedeuten kann. Bedeutende Künstler*innen fallen nicht vom Himmel oder wachsen in der Petri-Schale, sie werden vom Umfeld und den gebotenen Chancen und Möglichkeiten geprägt. So war das für Beethoven und so ist es für die heutige Generation. Wir wollten einen Inkubator für originelle Ideen, neue Talente und innovative Projekte schaffen.

Du selbst bist klassisch ausgebildeter Cellist. Welche Bedeutung hat Beethoven für dich?

An Beethoven kommt man als klassischer Musiker natürlich unmöglich vorbei. Ich bin mit ihm im Ohr aufgewachsen. Man hat dann eine so intime Beziehung zu dieser Musik, dieser eigentümlichen Klang- und Ausdruckswelt, die er entwickelt hat. Das ist sehr viel wert, auch wenn einem irgendwann das ganze Gewese um diese idealisierte Figur – für das der echte Beethoven aber nichts kann – auf die Nerven geht.

„Ich finde, zuerst sollten wir den Begriff „Klassik“ abschaffen – er steckt alles von Beethoven bis Monteverdi und alle zeitgenössische Kunstmusik in eine verhängnisvolle Schublade.“

Gerade manche junge Leute können mit klassischer Musik wenig anfangen und halten sie schlimmstenfalls für langweilig oder für etwas, das nur für alte Leute gemacht ist. Wie ist deine Wahrnehmung? Woran könnte das liegen?

In der Frage liegen schon einige Prämissen versteckt, die den Kern des Problems treffen: Es ranken sich so viele selbst verschuldete Missverständnisse rund um die sogenannte klassische Musik. Zum Einen ist die sogenannte Klassik gar kein kohärentes Genre, sondern ein seltsamer Sammelbegriff für sämtliche „Kunstmusik“ seit dem 14. Jahrhundert bis heute. Wir haben es irgendwie geschafft, diesen unerschöpflichen Reichtum langweilig aussehen zu lassen. Diese Musik ist weder für junge noch für alte Leute gemacht, sondern sie ist einfach da und es kommt auf uns Musiker*innen an, was wir damit anstellen und wen wir dafür begeistern. Ich finde, zuerst sollten wir den Begriff „Klassik“ abschaffen – er steckt alles von Beethoven bis Monteverdi und alle zeitgenössische Kunstmusik in eine verhängnisvolle Schublade. Und dann ist natürlich ein Problem, dass die Konzerte meistens viel zu langweilig aufgemacht werden. Das Konzertformat wird oft der Qualität, Brisanz und Emotionalität des Inhalts nicht gerecht. Da dürfen wir uns nicht wundern, wenn sich vor allem junge Menschen abwenden.

Was macht das PODIUM Esslingen in diesem Bereich anders als andere Veranstalter?

Wir sehen uns als eine Plattform für ein vielseitiges, interdisziplinäres und vorwärtsgerichtetes Musikschaffen – als einen Ort, an dem aus besonderen musikalischen Ideen konkrete Projekte entstehen können. Wir experimentieren dabei mit großer Leidenschaft in den zwei aus unserer Sicht gleichberechtigten Bereichen des Musikschaffens: Inhalt und Kontext. Das Inhaltliche meint einerseits neue Ansätze, mit klassischer Musik umzugehen – zum Beispiel durch originelle Bearbeitungen, technologische Erweiterungen oder interdisziplinäre Verbindungen. Andererseits meint es auch die Beauftragung und Entwicklung neuer Kompositionsansätze, zum Beispiel im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz und anderen Technologien. Die Gestaltung der Kontexte ist der andere große Fokus des PODIUM Esslingen: Wie sieht die vielfältige Zukunft der Konzertformate aus? Welche kuratorischen Potenziale gibt es für Musik? Was kann getan werden, um klassische und zeitgenössische Musik anders zu kontextualisieren und damit gesellschaftlich anschlussfähiger zu machen? Das sind die zentralen Fragen, die das PODIUM Esslingen umtreiben.

„Ist das dann noch Pop oder schon Klassik? Ist mir egal, solange es tolle Musik ist.“

Welche Musik hörst du außerhalb von „Klassik“? Was sind beispielsweise deine drei Lieblingsmusiker und Lieblingsalben aus dem Pop?

Das ist sehr abhängig von Stimmung und Saison. Es sind mal Björk, mal Radiohead oder auch mal Beyoncé hoch oben auf der Liste. Ich habe auch eine Schwäche für Hip-Hop. Ich halte aber natürlich nichts von den Unterscheidungen zwischen Pop und Klassik. Bei unserem PODIUM Festival haben wir bereits Alben der drei genannten Bands bzw. Künstler*innen in Streicherbearbeitungen aufgeführt – sogar auch einmal eine instrumentale Version eines Songs des Rappers Dr. Dre. Ist das dann noch Pop oder schon Klassik? Ist mir egal, solange es tolle Musik ist.

Was soll das Publikum vom Projekt #bebeethoven mitnehmen? Und welche Impulse für die Musikwelt sollen davon ausgehen?

Das Projekt #bebeethoven soll anlässlich des Beethoven-Jubiläums Wege in die Zukunft der Musik aufzeigen. Es ist ein faszinierendes Panoptikum der verschiedensten Ansätze, klassische und zeitgenössische Kunstmusik innovativ zu denken. Wir wollen damit dem Publikum neue musikalische Welten öffnen, Neugier wecken und zeigen, dass „klassische Musik“ – der Begriff ist wie gesagt Unsinn – eben alles andere als tot ist, sondern eine lebendige Tradition, die sich in alle möglichen zeitgenössischen Richtungen weiterentwickelt. Das Hochhalten von Beethovens Feuer statt die Anbetung seiner Asche! Wir dürfen uns nicht hinter Beethoven und seinen Meisterwerken verstecken, sondern müssen selbst als gestaltende Musiker*innen unserer Zeit wirken. Das ist der wesentliche Impuls, den wir mit #bebeethoven aussenden wollen.

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