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Schönheit der Schnittstelle

Ein Beitrag von
23-09-2019

Wir gehören zur letzten Generation, die sich vielleicht noch „Analog Natives“ nennen kann. Wir kennen aus unserer Kindheit noch die letzten Jahre einer Welt, in der nicht in jeder Wohnung ein Computer stand und nicht jede Person ein Smartphone besaß. Eine analoge Welt, die unseren Eltern noch sehr vertraut ist, aber für uns sehr fremd wirkt.

Ironischerweise wurde PODIUM Esslingen – obwohl wir im Kern von einer so analogen Tätigkeit wie der Kammermusik kommen – aus dem Digitalen hervorgespült. Denn eine Gründung wie unsere im Jahr 2009 wäre ohne die Möglichkeiten digitaler Kommunikation undenkbar gewesen – wir waren über Europa verteilt, hatten keine Namen aber eine gemeinsame Idee, das Internet und mit Esslingen am Neckar eine kleine, mittelalterliche Stadt, die unserem Festival-Impuls eine Heimat gab. Mit anderen Worten: ein Streichquartett von Beethoven hat noch nie die Digitalisierung gebraucht. Wir aber, die wir mit der Musik etwas anfangen wollten, sehr wohl! Drei Gedanken dazu.

Künstliche Intelligenz

Über das disruptive Potential Künstlicher Intelligenz wird viel und heiß diskutiert. Uns interessiert, welche Musik entstehen könnte, wenn wir mit dieser Technologie unsere kreative Breitbandkapazität radikal erweitern.

Die #bebeethoven-Fellows Quadrature arbeiten in einem aktuellen Projekt sehr poetisch mit Künstlicher Intelligenz. Die KI sucht im Chaos von Weltraumdaten, die mit einem Teleskop in Echtzeit gesammelt werden, nach Mustern und Klängen aus Chorälen von Johann Sebastian Bach, auf die sie zuvor trainiert wurde. Die Intelligenz findet im Weltraumrauschen im Laufe der Performance tatsächlich Fetzen von Bach – so wie wir manchmal in Wolken Gesichter erkennen – und überträgt diese mit Hilfe eines MIDI-getriebenen Selbstspielautomaten auf die große Orgel der Esslinger Stadtkirche. Künstliche Intelligenz, deren innere Vorgänge wir kaum nachvollziehen können, sucht im ebenso unendlich fremden Weltraum nach so wohlbekannten, archaischen Klängen wie die der Bach’schen Choräle und spielt sie auf der Kirchenorgel. Die KI bringt uns das Fremde näher und das Staunen wieder bei.

Eine ganz andere Schnittstelle zu Künstlicher Intelligenz haben die #bebeethoven-Fellows Holly Herndon und Mathew Dryhurst gefunden. Sie haben ein KI-Baby namens SPAWN gezeugt, dessen faszinierende Klangäußerungen – eine gelernte Synthese der Stimmen von Holly und Mat – in die neuesten Bühnenproduktionen und ihr aktuelles Album PROTO einfließen. Die Imperfektion, die Brüchigkeit und die Infantilität der KI erzeugen erstaunlich berührende Klänge. So wie Auto-Tune für viele Popkünstler nicht mehr Intonationsstütze, sondern Stilmittel geworden ist, so ist diese bis auf weiteres musikalisch hilflose und unselbständige KI keine uns überholende Musikmaschine, sondern ein weiteres, fragiles Instrument, mit dem wir Schönes und Verblüffendes erschaffen und zeigen können. Diese Mensch-Maschine-Schnittstellen deuten auf ein enormes Potential hin, das im Zwischenraum zwischen Mensch und Maschine liegt, aber immer noch vom Menschen, von der Künstlerin, aufgerufen und erzählt werden muss.

Autorschaft

War bei Quadrature und Holly Herndon bei aller mensch-maschinellen Hybridität scheinbar noch eine klare Urheberschaft erkennbar, so ist diese bei vernetzten künstlerischen Prozessen nicht mehr recht zu identifizieren. Ein weiteres PODIUM-Projekt mit dem Komponisten und #bebeethoven-Fellow Alexander Schubert macht die immer offener werdende Frage nach Autorschaft in der digitalen Welt zum künstlerischen Gegenstand. Bei dem Werk wiki-piano.net handelt es sich um eine Website, die nach dem Wiki-Prinzip von der User-Community frei bearbeitet werden kann. Die Website wird zur Partitur, die im Konzert von einer Pianistin in der Version gespielt wird, die am Tag des Konzerts im vorliegt. Das Erstaunliche ist, wie gut das Stück jedes Mal als musikalisches Werk funktioniert, obwohl es eigentlich nur eine zufällige und außerordentlich profane Notiz-Sammlung von tausenden Netz-Trollen, Nerds und sonstigen Usern ist. Die äußerst durchdachte Gestaltung des Interfaces und die allgemeinen Spielregeln der Website von Alexander Schubert schaffen eine Struktur, in der sich sowohl digitale Netz-Poesie als auch die enthemmte Vertrollung des Internets eindrucksvoll spiegeln. Das Komponieren von Musik wird hier zum meisterhaften Gestalten einer öffentlichen Schnittstelle, an der gemeinsam Musik entstehen kann.

Organisation & Community

Für Organisationen und Communities gilt im besonderen Maße der schöne Spruch von Nietzsche: „Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern zu gebären“. Aus dem inhärenten Chaos eines kreativen Netzwerks tatsächliche Kunst zu filtern, darin liegt die Kunst des Organisierens im vernetzten Zeitalter. Als Knotenpunkt im weit verzweigten Netzwerk der Ideen steht die Organisation dabei vor zwei Herausforderungen. Einerseits muss es gelingen ihre Sensoren und Schnittstellen möglichst weit zu öffnen, um Ideen nicht nur aus der eigenen Tradition und gewohnten Abläufen zu generieren. Andererseits gilt es, verlässlich und zuverlässig aus dem Chaos des künstlerischen Möglichkeitsraums “Sterne zu gebären” und sie mit Durchhaltevermögen über den Weg der Umsetzung bis hin zum Rezipienten zu begleiten, ohne dass die Sterne erlöschen oder explodieren.

In der Erweiterung des künstlerischen Möglichkeitsraums zur Entdeckung und Erprobung neuer Ausdrucksformen, Methoden und Techniken können Communities, deren Denkweisen zutiefst digital geprägt sind, eine bedeutende Rolle spielen. So entstehen scheiterfreundliche Räume des Experimentierens, in denen das Lernen im Prozess zunächst wichtiger ist als das Gelingen. #bebeethoven-Fellow Koka Nikoladze – der mit neuen technologischen Schnittstellen und Instrumenten komponiert – entwickelt seine Beat Machines in einem solchen Umfeld: der Maker-Szene. Rapid-Prototyping steht im Fokus und nicht das lange Gebären vollendeter Werke, beinahe tägliche Feedback-Loops mit der (online-)Community statt einsamen Komponierens hinter verschlossenen Türen. Anders, so sagt er, lässt sich die Komplexität und der offene Ausgang solcher Arbeiten gar nicht bewältigen und sinnvoll steuern.

Die Zukunft?

Das digitale Musikschaffen der Zukunft sollte ohne die Zusätze „digital“ und „Zukunft“ auskommen. Denn wie oben beschrieben kann es nicht um einen einmaligen Prozess des Digitalisierens gehen, sondern um die künstlerische Gestaltung und Wiederverzauberung der Welt, die nun auch eine digitale Dimension hat – nicht in der Zukunft, sondern hier und heute. Und die vielversprechendste Art, die Zukunft vorherzusehen ist immer noch die Gestaltung der Gegenwart.

Es lässt sich die Tendenz beobachten, dass Teile des Kulturbetriebs besonders schnell und euphorisch aktuellen technischen Hypes folgen. Dabei wird oft massiv überschätzt, was eine Technologie kurzfristig künstlerisch bewirken kann und zugleich unterschätzt, welches Potential sie langfristig als neues Medium für die Kunst bieten kann. Denn neben dem experimentellen, spielerischen Umgang mit neuen Technologien, muss der künstlerische Inhalt den oft überzogenen Erwartungen gerecht werden. Auch wenn man beispielsweise zu Recht überzeugt sein mag, dass Virtual Reality in der Zukunft eine wichtige künstlerische Rolle spielen werden, so gilt für den Moment noch die Faustregel: eine gut erzählte Geschichte oder ein immersives Musikerlebnis bietet eine ungeheuer berührende, intensive „virtuelle Realität“. Und das bleibt die Benchmark für eine jede technologiegestützte ästhetische Erfahrung, sonst bleibt sie auch auf Dauer eine technische Spielerei.

Wir sind also in einem langwierigen Prozess, aber eines lässt sich schon jetzt sagen: das Internet als klar abtrennbarer Raum wird verschwinden, das Digitale löst sich schon jetzt in allem auf – in Geräten, Kleidung, Körpern. Wir können den Herausforderungen und Chancen der post-digitalen Welt nicht durch isolierte Abteilungen, Einzelprojekten oder Apps begegnen. Bei der digitalen Transformation liegt der große Fokus auf der Transformation und nicht auf dem Digitalen. Und zu oft wird übersehen: der Mensch bleibt das Maß. Bei aller Künstlichen Intelligenz, bei allen Gadgets und Tools: am Ende sehnt, träumt, blutet ein Mensch für die Kunst und es staunt, wundert, freut sich ein Mensch über die Erfahrung. Und die Frage wird sein: gelingt es uns ausgehend von der Musik ein positives, selbstbestimmtes Narrativ des Digitalen zu entwickeln und einen optimistischen Handlungsraum zu erobern? #bebeethoven Fellow Holly Herndon hat es schön gesagt: »Es gibt eine allgegenwärtige Erzählung von Technologie als das, was uns entmenschlicht. Wir positionieren uns im Kontrast dazu. Wir laufen nicht weg; wir laufen darauf zu, aber zu unseren Bedingungen. Die Entscheidung, mit einem Ensemble von Menschen zu arbeiten, ist Teil unseres Protokolls. Ich will nicht in einer Welt leben, in der Menschen außerhalb der Bühne automatisiert werden. Ich möchte, dass eine KI gebildet wird, die diese Schönheit schätzt und mit ihr interagiert.«

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Koka Nikoladze ist Komponist und leidenschaftlicher Bastler. Der gebürtige Georgier, der heute in Oslo lebt, baut kuriose Beatmaschinen. Erst war es nur ein Hobby, doch Irgendwann postete Koka Nikoladze Videos von seinen selbstgebauten Instrumenten auf Facebook – und sie gingen viral.