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„SCHEIN & SEIN“
Impuls im Rahmen des #bebeethoven Showcases

Ein Beitrag von
08-11-2019

Es geht bei dieser Diskussion um „Schein & Sein“ für mich vor allem um drei Fragestellungen, die auch das Projekt #bebeethoven im Allgemeinen prägen:

Erstens geht es um die Einlösung oder eben auch Nicht-Einlösung des Authentizitätsversprechens der Musik; zweitens um einen Reality-Check der alten Kunst-Trias des „Wahren, Schönen, Guten“, und drittens geht es um etwas, das man die „Die Vereindeutigung der Welt“ nennen könnte.

Erstens – Das Authentizitätsversprechen der Musik.
Wir versammeln uns anlässlich des anstehenden Jubiläums des großen Tondichters Ludwig van Beethoven. Schon dieser Satz hat ein Authentizitätsproblem. Sehr viele Annahmen müssen für alle hier Versammelten gelten, damit diese Versammlung hier eine wirkliche Bedeutung hat, authentisch ist. Natürlich kann die Musik Beethovens auch heute wirken – weil sie großartig ist. Aber wir verlangen einer historischen Figur wie Beethoven Unmögliches ab, wenn sie für uns heutige Musikschaffende noch immer identitätsstiftend sein soll. Man kann sich Authentizität nur in Maßen von der kulturellen Vergangenheit – und sei sie noch so groß und reich – leihen. Die Vergangenheit ist und bleibt ein fremdes Land. Wir wissen uns darin nicht authentisch zu bewegen. Wir verstecken uns dort hinter den Meisterwerken und da implodiert unsere Authentizität als Künstler*innen unserer Zeit. Beethoven hat seinen Job getan. Wir müssen jetzt unseren tun. Das heißt: kreativ und neugierig mit dem musikalischen Schatz der Vergangenheit umgehen. Viel mehr Liebe zum Neuen. Zeitgenossenschaft über alles.
#bebeethoven ist der Versuch, die klassische Musik als Inspirationsquelle, nicht als Diktat zu sehen. Fellows wie Juri de Marco, Elina Albach oder Mathias Halvorsen mit seiner morgigen Aufführung von La Bohème sind Zeugnisse dieser Haltung.

Zweitens – „Das Wahre, Schöne, Gute.“
Die klassisch-bürgerliche Trias der Kunst als das Wahre, Schöne und Gute gerät schon seit langem ziemlich unter Druck: was ist „Wahrheit“ in der von einer post-faktischen Wahrheitsunbefangenheit – oder nennen wir es Bullshit geprägten Gegenwart? Romantische Vorstellungen von „Schönheit“ kommen uns kitschig, regressiv und unglaubwürdig vor. Und wer kann in einer von Subjektivität geprägten Wahrnehmungswelt Autorität über das „Gute“ haben?
Was ersetzt dieses kollabierte künstlerische Koordinatensystem des Wahren, Schönen, Guten? Hoffentlich nicht für immer die ins nihilistische gehenden Dekonstruktivist*innen der Postmoderne meiner Jugend, in der alles vor allem „cool“ und ironisch-distanziert sein musste. Ich glaube es muss wieder hot und nah und gefährlich werden. Um die Wiederverzauberung der Welt muss es gehen – mit allen unseren Mitteln. Wieder etwas meinen, wieder etwas wollen – an Großes glauben und zu weit gehen. Und da sind wir vielleicht wieder bei Beethoven. Die Pandora-Box des Möglichkeitssinns zu öffnen – daran ist der Erfolg von #bebeethoven zu messen. Und schon jetzt, kurz nach Halbzeit des Programms, zeigen sich wunderbare Früchte dieses „Zu-weit-Gehens.“ Oder wie es Kafka so schön beschrieb: „Von einem gewissen Punkt an gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“

Drittens – „Die Vereindeutigung der Welt“ (ein schönes Zitat, das ich vom Autor Thomas Bauer geklaut habe).
Es heißt immer, die Welt im Allgemeinen und die Musik im Besonderen sei so unübersichtlich. Man sehe vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ich glaube aber, dass das Gegenteil eigentlich der Fall ist: man sieht den Baum nicht mehr vor lauter Wald. So vieles muss offenbar in klare Kategorien, in Genres- und Subgenres eingeteilt werden – immer ausdifferenziertere Professionen (zB diverse historische Aufführungspraktiken, hochspezialisierte Neue Musik Ensembles usw) und die damit verbundenen Identitäten führen zu Filterblasen, in denen Eindeutigkeit herrscht und zwischen denen kaum Kontakt besteht. Einen individuellen Weg in dieser Musiklandschaft zu schlagen ist immens schwer. Ein künstlerisches Leben kann natürlich nicht leicht sein – doch auch hier stellt sich die Frage nach Schein und Sein: wie viel Wert wird wirklich auf Kreativität und Originalität gelegt? Mir scheint es, dass gerade dort, wo man sich geradezu Persönlichkeit leisten muss, viel zu oft die Persönlichkeit auf dem Altar irgendeiner gleichmacherischen Identität geopfert wird. Das ist im künstlerischen Kleinen wie im weltanschaulichen Großen auch die zentrale politische Frage unserer Zeit: schaffen wir es, diese Vielfalt und Komplexität auszuhalten? #bebeethoven mit seinen vielen inneren ästhetischen Widersprüchen ist so auch ein Versuch, eine Sicht der Mehrdeutigkeit zumindest auf die musikalische Avantgarde zu gewinnen.

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