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©-Michael-Kuchinke-Hofer

Kaan Bulak: Von Einem, der sich zwingt, frei zu sein, damit die Intuition leben kann.

Ein Beitrag von
12-04-2019

Es ist ein Freiheitskampf – mit sich, mit der Musik und mit dem Publikum. Zugleich als Ausführender und Erdenker. Kaan Bulak, Komponist, Improvisateur und Pianist, ist erst dann zufrieden, wenn er intellektuell keinen Einfluss mehr auf sein eigenes Tun hat, den Off-Knopf in seinem Kopf gefunden hat und musikalisch existieren kann.

-©-Michael-Kuchinke-Hofer

Porträt des Künstlers in seinem natürlichen Habitat, dem Studio.

Dann hat sich der kreativitätshemmende Ballast gelöst und Kaan Bulak ist enthüllt. So, als fließe die Musik aus ihm heraus – unkontrolliert und eigenmächtig. »Frei sein von allem«, sagt Kaan Bulak. Das ist sein oberstes Ziel und selbstverständlich eine Utopie. Manchmal ist er ganz nah dran, manchmal nicht. Kontrollieren könne er das nicht, nur begünstigen. Für diese Utopie kämpft er jede Sekunde.

Schlendert er durch einen Park, hat das Methode. Dafür opfert er jeden Schritt, jede Regung und jede Bewegung. Zielgerichtet und in jedem Moment diszipliniert, offen zu sein.

Dann gleicht er einem Schwamm, der beinahe zwanghaft alles aufzusaugen versucht. Alles, was er sieht, riecht, spürt und hört. »Selbst das ist für mich Arbeit, natürlich im positiven Sinne. Freie Zeiten gönne ich mir selten. Arbeit und Privates deckt sich, denn das Eine braucht das Andere bedingungslos.« Kaan Bulak ist vielmehr selbst ein Instrument. Er ist die Membran, durch die Musik und externe Einflüsse osmotisch strömen können – egal ob Elektronik oder Akustik. Er ist ein Ermöglicher. Er komponiert, er improvisiert, er sampelt, er spielt, er produziert.

Häufig tut er dies mit dem Klavier und elektronischen Instrumenten, ohne sich darauf zu versteifen. Die Elektronik ist bei seinen Arbeiten kein rhythmusgebendes Korsett, sondern ein organischer Herzschlag und tritt meist in Dialog mit einem Soloinstrument. In seinem Projekt wird Kaan Bulak in mehreren Etappen Werke entstehen lassen: Vom Soloinstrument zum Orchester, vom Klavier zum Streichquartett, von assoziativer Improvisation zu Ludwig van Beethovens Streichquartett Nr. 15 in a-Moll op. 132, dritter Satz: »Heiliger Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit, in der lydischen Tonart.«

©-Michael-Kuchinke-Hofer

Kaan Bulak in seinem Studio in Berlin-Friedrichshain

In all seinen Arbeiten wird die Elektronik zu einem natürlichen Moment akustischer Musik, die Freiheit gibt, anstelle Dogmen entstehen zu lassen. Kaan Bulak nimmt die Materialien, die ihm seine Lebensrealität bieten und verwendet sie als Mittel, nicht als Zweck. Wenn er zu seinem Projekt befragt wird, dann antwortet er kurz, präzise und kalt – anders als sonst wirkt er berechnend und rational.

»Das liegt am Unterbewusstsein. Jetzt bin ich vermutlich unfrei, weil mir das Projekt und die Präsentation wichtig ist. Ich möchte, dass man es richtig interpretiert und beginne meine Aussagen zu kontrollieren.«

Und plötzlich entsteht doch dieser freie Moment, diese Utopie, nach der sich Kaan Bulak sehnt. Wenn man ihn nämlich fragt, warum er komponiert. Die Antwort: »Warum hat man Sex?« Lange Stille. »Auch beim Musizieren geht es um das Urmenschlichste und Essenziellste des Ichs, was man nicht mit Worten beschreiben kann. Der rare Moment entsteht, an dem ich sagen kann, dass er verweilen soll, weil er so schön ist.«

Text & Interview: Christoph Warmuth

Fotos: Michael Kuchinke

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