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Folge #6:
„Bach hätte sich im Grab umgedreht!“

Er der norwegische Klassik-Pianist, sie die spanisch-französisch-deutsche Pop-Chanteuse: Auf den ersten Blick haben Mathias Halvorsen und Sofia Portanet wenig gemeinsam. Auf den zweiten dann doch so einiges: Beide setzen sich in ihrer Arbeit mit Material der Musikgeschichte auseinander und eignen es sich auf ganz eigene Weise an. Halvorsen ist #bebeethoven-Fellow und erkundet im Rahmen seiner Projekte neue Wege, Kompositionen außerhalb des schmalen Klangkorridors des Klassikbetriebs zu interpretieren. Portanet gilt als der neue Star der deutschen Musikszene und hat gerade ihr gefeiertes Debütalbum „Freier Geist“ veröffentlicht. Ihre Songs bauen Stimmungen nach, wie man sie von der eher kunstaffinen Schlagseite der Neuen Deutschen Welle kennt – nicht umsonst wird sie häufig mit Nina Hagen verglichen. Und selbst, wenn das Pop-Business, in dem sie sich bewegt, und die hehre Welt der avantgardistischen Bach-Interpretation, mit der Halvorsen zuletzt für Wirbel in der Szene sorgte, durch so einige Gräben getrennt scheinen: Auch diese haben beide in ihren künstlerischen Biografien überwunden. Halvorsen etwa war lange künstlerischer Partner der exzentrischen Electro-Punk-Künstlerin Peaches. Und Portanet sang in ihrer Jugend lange im Kinderchor der Pariser Nationaloper, was ihre Stimme deutlich geprägt hat, und gestaltet derzeit ein Stück an der Deutschen Oper Berlin. Genug Gründe also, die beiden Grenzüberschreiter*innen zu einem Roundtable-Talk ins Berliner silent green Kulturquartier zu laden: Über den Reiz der Neuinterpretation, die Absurdität von Copyrights in Zeiten algorithmischer Berechenbarkeit von Melodie – und wann Bach wirklich im Grab rotiert.

Ein Gespräch mit #bebeethoven Magazin-Chefredakteurin Ariana Zustra und Kulturjournalist Steffen Greiner

Ariana Zustra: Vervollständigt den Satz: Pop ist …?

Mathias Halvorsen: Da denke ich an sehr viele verschiedene Sachen. Meine Beziehung zu Pop ist sehr spezifisch. Ich finde, man kann darüber nur mit ein wenig Distanz sprechen. Ich kenne vor allem die Jahrescharts von Pitchfork und ein paar spezielle Sachen. Wirklich sagen zu können, was all das verbindet, ist schwer. Pop ist so reich an Ideen, dass es schwerfällt, es einzugrenzen. Ich bin mit der Pop-Musik meiner Eltern groß geworden, Talking Heads und sowas.

Sofia Portanet: Ich denke als erstes: Entertainment. Dann: Zugang, also Zugänglichkeit für ein breites Publikum. Gerade dachte ich, daran kann man Pop von Klassik abgrenzen – aber Klassik ist ja auch zugänglich, für ein gewisses Publikum. Was oft negativ klingt: Mainstream. Dabei gibt es so tollen Pop! Pop bedeutet für mich, dass ein Song catchy ist, aber es sagt nichts darüber aus, was für eine Musik das ist. Talking Heads ist nicht wirklich Pop, aber irgendwie ist es doch Pop. Das kam im Radio, und so viele Leute lieben es!

Steffen Greiner: Im Grunde genommen sind die Klickzahlen bei Bach höher: Mathias bespielt den Mainstream, während Sofia Musik für die Nische macht.

Zustra: Du bist hier in Wahrheit der Pop-Künstler, Mathias!

Halvorsen: Ich weiß gar nicht genau, was ich unter dem Begriff Pop verstehen soll.

Zustra: Was versteht ihr hierunter: Klassik ist…?

Portanet: Puh… Ich sehe geschriebene Noten, ich sehe Theorie, ich sehe eine Art, etwas zu schreiben, zu komponieren bis ins kleinste Detail. Ich sehe Orchester und ein völlig anderes Publikum als bei Pop- oder Rock-Konzerten. Ich denke an: zuhören, weil man sitzt und nicht tanzt. Ich dachte gerade an meine Zeit im Kinderchor der Pariser Nationaloper. Ich konnte nie Noten lesen, ich habe immer nur so getan.

Halvorsen: Alle tun doch nur so! (allgemeines Gelächter)

Foto: Christian Schneider

Zustra: Mathias, beschreibt das nicht ziemlich genau, was du aufzubrechen versuchst: den Zwang, alles exakt so zu spielen, wie es aufgeschrieben ist?

Halvorsen: Sofia, du schienst gerade etwas vorsichtig in deiner Beschreibung – musst du nicht, ich bin nicht der typische Vertreter der klassischen Musik. Wie ich den Satz vervollständigen würde: Klassik ist vielfältig. Ich arbeite mehr mit Musik der Gegenwart, mit experimentellen Sounds, zum Beispiel aus den 1970ern, John Cage. Das ist an Pop Art geknüpft und hat wiederum wenig zu tun mit klassischer Musik, bei der es um korrekte Noten geht.

Zustra: Spielt da auch Frust mit rein, wie sehr die Musikwelt auf Werktreue fixiert ist?

Halvorsen: Nein, nicht wirklich. Ich finde, es ist auch ein Luxus, wenn viele Menschen sich darauf einigen können, etwas auf eine bestimmte Art zu machen. Und dann ist es auch einfacher, daran vorbei zu arbeiten. Wenn eine universelle Einigkeit darüber herrscht, wie etwas zu klingen hat, fällt es doch sehr leicht, mit einer Aufführung des gleichen Materials aus dem Rahmen zu fallen. Der Korridor, wie etwas präsentiert werden sollte, ist recht eng.

Greiner: Ist das eher ein Problem des Betriebs, also der ökonomischen Seite, oder der ästhetischen Seite?

Halvorsen: Die Trennung ist schwer. Die Klassik-Industrie arbeitet auf eine bestimmte Art und Weise, und du weißt, was du kriegst. Und das ist kein Problem. Ich gehöre nicht zu denen, die glauben, dass das System der Klassik kaputt ist. Man muss nichts reparieren. Ich denke, das kommt von der Industrie selbst: Sie kriegt mit, dass ihre Zahlen schrumpfen, und meint, sie müsse sich neu erfinden. Und so erschafft man erst ein Problem. Aber da ist kein Problem, für die Welt oder die Leute. Menschen hören ja diese Musik. Außerdem gibt keinen Grund, warum jeder klassische Musik hören sollte, anstatt andere Musik – diesen missionarischen Eifer halte ich für problematisch.

Foto: Christian Schneider

Zustra: Wenn über Sofia geschrieben wird, fallen stets die Namen der Genres, als deren „Erneuerin“ sie gilt: Neue Deutsche Welle oder Post Punk etwa. Hinzu kommen Vergleiche mit Ikonen wie Kate Bush oder Nina Hagen. Sofia, wie gehst du damit um, vor allem mit vorhandenem, „altem“ Material in Zusammenhang gebracht zu werden?

Portanet: Diese Vergleiche finde ich in erster Linie schmeichelhaft. Weil es meistens Künstler*innen sind, die ich mag. Das Rad wird ja nie vollkommen neu erfunden. Mir geht es beim Musikmachen darum, mich selbst auszudrücken. Es ist meine Freiheit, die Noten so zu setzen, wie ich sie hören will. Sicherlich gibt es da immer wieder Ähnlichkeiten. Aber: Irgendwie schießt da irgendetwas von irgendwo in meinen Kopf, das ist für mich sehr persönlich. Wenn ich nicht das Gefühl habe, dass da etwas Originelles in der Musik steckt, dann muss ich keine Musik machen. Aber: Auch ein Cover kann etwas Neues und Authentisches mitbringen.

Greiner: Das schöpferische Genie ist heute eher eine Idee von Pop als von Klassik: Stücke von anderen schreiben zu lassen, gilt als Sakrileg, Cover-Versionen als Gimmick statt als Kunst. In der Klassik dagegen ist es normal, dass Musiker*in und Komponist*in nicht identisch sind. Wie gehen Intepret*innen in der klassischen Musik damit um?

Halvorsen: Ein klassischer Komponist schreibt Musik ja aus einer Distanz. Er schreibt, damit andere es spielen. Das macht die Musik oft sehr pauschal, das ist eine ganze andere Herangehensweise als das Persönliche bei Sofia. Für mich war das ein großer Schritt, nicht mehr einfach Klassik zu spielen, sondern einen Weg zu finden, mich mit dem zu identifizieren, was ich da spiele. Ich kann heute nicht mehr einfach auf die Bühne gehen, ein Stück durchspielen und dann abgehen. Ich brauche eine Mission. Etwas, das nur ich kann. Und dieses Besondere kann man eben auch im klassischen Material finden.

Zustra: Wie eignet man sich Stücke an, die millionenfach gespielt wurden?

Halvorsen: Ich mache einfach, was mir Spaß macht. Bei meinem Projekt „The Well-Prepared Piano“ ist die Idee zum Beispiel, die Mechanik des Klaviers zu verändern. Bei einem guten Klavier gibt es keine Störgeräusche, das Klavier selbst hat kein Geräusch. Dann denkt man: Das ist so „clean“, so muss das klingen! Aber in Wirklichkeit gibt es diesen klaren und scheinbar „perfekten“ Klang gar nicht. Es gibt den Charakter der Musiker*innen, es gibt minimale Verstimmungen, Glitches, vielleicht ist eine Taste mal minimal schwerer als die daneben. Ich wollte das auf die Spitze treiben. Also habe ich zum Beispiel Gummibänder um die Saiten geknotet.

Zustra: Es gibt dieses Zitat von dir, Mathias: „Noten sind kein Diktat.“

Halvorsen: Wir haben Bachs Noten, aber wir wissen nicht, wie es bei ihm klang. Beim wohltemperierten Klavier verändert sich der Klang mit der Tonalität. Das liegt am Instrument und an dem Stimmsystem, mit dem Bach arbeitete. Das war rein gestimmt, also: eben nicht ‚wohl-temperiert‘. Heute sind bei einem Klavier die Verstimmungen gleichmäßig über die Tasten verteilt, sodass es mathematisch aufgeht. Bach hatte das nicht – und wenn seine Musik durch verschiedenste Harmonien moduliert, wie sie es tut, müsste sie eigentlich in den „fremden“ Akkorden unrein und schräg klingen. In der heutigen Klavierstimmung klingen diese Modulierungen immer gleich und rein. Bachs Musik spielt aber bewusst mit dieser Spannung zwischen reinen und unreinen Harmonien und Tonarten. Indem ich das Klavier verändert habe, kam ich Bachs Idee näher.

Zustra: Sofia, tun wir mal so, als sei Kate Bush für Pop, was Bach für Klassik ist: Könntest du dir vorstellen, Material von ihr auf diese Art zu bearbeiten? „Die wohl-präparierte Kate Bush“?

Portanet: Ich würde ein Cover nur machen, wenn ich das Gefühl hätte, ich könnte etwas Neues beitragen. Auf meinem Album covere ich einen Song der französischen Sängerin Catherine Ribeiro. Ich wollte eigentlich eine deutsche Version machen, aber ich habe die Rechte nicht gekriegt. Die französische Version ist auch wundervoll und wir haben es so neu arrangiert, dass ich mich damit identifizieren kann. Texte sind für mich wichtig, um eine Verbindung zu den Zuhörern herzustellen. In meinen Songs zitiere ich teilweise Dichter wie zum Beispiel Heine, Goethe und Rilke. Für mich sind ihre Gedanken und Gefühle teilweise so treffend beschrieben, dass ich sie einfach übernehmen möchte. Manchmal schreibe ich sie leicht um und kombiniere sie so mit meinen Gedanken. Das macht Spaß, ich setze Gedanken in einen neuen Kontext. Ein Poesie-Remix, also. Auch ein Weg, altes Material neu zu interpretieren.

Foto: Christian Schneider

Greiner: Da immerhin tut sich vermutlich keine Rechte-Frage auf! Was sind denn, Mathias, die Hindernisse bei deiner Aneignung von Material?

Halvorsen: Manchmal sind Menschen wirklich verstört. Aber das liegt eher an falscher Werbung. Wenn die Menschen „On Goldberg“ lesen, dann erwarten sie die „Goldberg-Variationen“. Und es stimmt ja auch: Alles, was man da hört, sind Goldberg-Variationen, aber durch die Filtrierung und Umstellung des Materials klingt es eben überhaupt nicht nach Goldberg. Hinterher sind sie richtig sauer, so als hätte ich ihren Bach geklaut! In Norwegen reagieren die Menschen dagegen sehr entspannt. Aber in Deutschland kommen die Leute zu dir und wollen dir die Meinung sagen: „Bach hätte sich im Grab umgedreht!“ Oder: „Das war ja gar nicht wirklich Bach!“

Zustra: Was antwortest du dann?

Halvorsen: Ja und nein: Es ist Bach, und es ist nicht Bach. Ich habe nichts gemacht, was nicht Bach ist, es klingt halt nur nicht nach ihm. Ich lasse mich auf die Diskussionen gern ein. Ich finde es gut, wenn etwas ambivalent ist. Heute ist vieles gleich ein Statement, da ist es gut, wenn manche Dinge nuanciert sind und vieles zugleich sein dürfen.

Greiner: Vor einiger Zeit tauchte immer wieder diese Nachricht in unseren Kanälen auf: Der Anwalt, Musiker und Programmierer Damien Riehl hat alle mathematisch möglichen Melodien, die in der Tonart C mit zwölf Tönen möglich sind, errechnet und rechtefrei veröffentlicht – als Statement gegen Copyright-Prozesse, gegen das Einklagen von kreativem Eigentum, weil Kreativität – so der Claim – am Ende „nur“ Mathematik ist. Da stellt sich die Frage: Gibt es „das Eigene“ beim Musizieren überhaupt?

Zustra: Verschiedene Interpretationsmöglichkeiten sind denkbar: Ist das das Ende des Komponierens? Oder eher: Jetzt erst recht, weil Originalität nun ad absurdum geführt ist? Ist sie überhaupt ein Wert an sich?

Halvorsen: Mein Anfangspunkt ist stets die Frage: Wie gut kannst du dich mit dem Material identifizieren? Ist es deines, wenn du es interpretierst und auf die Bühne bringst? Dass eine Performance aufrichtig ist, ist mir wichtiger als die Frage, ob es eigenes Material ist. Wenn du nicht das Gefühl hast, dass du etwas darin findest, ist es nicht gut. Ich denke, Schmerz ist oft gut. Wenn es wehtut, während du es tust, ist es vermutlich richtig.

Portanet: Wenn ich selbst Musik mache, ist mir Originalität wichtig. Dass da eine eigene Idee im Kern ist. Ich habe aber auch Freude an Musik, bei der ich nicht die ganze Zeit denke: ‚Wow, so was habe ich ja noch nie gehört!‘ Der Algorithmus mag ja alle jemals möglichen Melodien errechnet haben, aber nicht in Bezug auf ihre Kombinationsmöglichkeiten und in ihrer Gleichzeitigkeit. Mein Co-Produzent und Co-Autor Steffen Kahles hat beispielsweise eine sehr spezifische Art, Gitarre zu spielen. Wenn das auf meine Gesangs- oder Synth-Melodien trifft – dann ergibt das Kombinationen, die keiner von beiden geplant hatte. Das ist die Magie von Musik: Wenn Dinge passieren, die du nicht vorhergesagt hast. Vielleicht ist das der größte Unterschied zur Klassik, wo alles im Vornherein niedergeschrieben wurde und das wenig Raum für Improvisation lässt? Originalität und Individualität ist immer eine Freude, weil sie überrascht.

Halvorsen: Wie gehst du mit Ideen um? Wie kommen sie zu dir? Für mich ist das ein sehr bewusster Prozess und ich bin neugierig, wie du es machst.

Portanet: Manchmal habe ich eine Textzeile, die mir gefällt, und ich fange an, drauflos zu singen und sehe, was passiert. Und manchmal kommt eine Melodie unterbewusst, wobei das Unterbewusstsein ja gesteuert ist von Dingen, die man erlebt oder gehört hat oder von denen man geträumt hat. Ich habe kein System des Songwritings. Ich schreibe meine Melodien nie auf, ich nehme sie immer sofort auf. Wir spielen einfach an unseren Instrumenten herum und bauen darauf auf.

Greiner: Mathias, du schaust gerade so, als würdest du Sofia beneiden!

Halvorsen: Sicher! Es ist interessant, wie ein Kreativprozess sich gestaltet. Der Prozess, den du beschreibst, ist exakt derselbe wie meiner für „On Goldberg“ und „On Palestrina“. Anfangs sind es nur systematische Ideen, und dann sitze ich da und probiere und bastele herum.

Foto: Christian Schneider

Zustra: Dann ähnelt sich euer Arbeitsprozess sehr, oder?

Halvorsen: Ja, es ist sehr vergleichbar. Ich starte mit dem Fragment einer Idee oder einem Text oder einem Melodiefetzen und dann nehmen die Dinge ihren Lauf. In manchen Projekten ist es eine Arbeit mit Systemen, in anderen mit Filtern, Mustern. Jeder bringt dann eine Idee für Filter mit, und dann filtert man die Filter. Der Ball ist dann ins Rollen gebracht.

Portanet: Wenn du das so beschreibst, stelle ich fest, dass ich manchmal doch ein System habe: Ich habe eine Loop Station, mit der ich Sound-Landschaften und Harmonieabfolgen aufnehme. Auf diesem sich immer wiederholenden Loop finde ich dann Gesangsmelodien. Erst beim Produzieren der Songs findet man neue musikalische Ebenen in Zusammenarbeit mit anderen Musiker*innen.

Halvorsen: Total! Wie verbindest du das dann mit dem Konzept der Originalität? Vorhin hast du so leidenschaftlich darüber geredet. Bis zu welchem Maß spielt das eine Rolle? Wie filterst du Ideen, wie erkennst du, ob sie gut oder schlecht sind?

Portanet: Manchmal habe ich auf Anhieb ein starkes Gefühl für etwas. Und manchmal ist es so wie gerade bei den Aufnahmen zu meinem ersten Album: Wir hatten einen Song fertig, und am Ende sagte ich: Nein, das läuft nicht. Weil mein Gefühl dafür nicht stark genug war. Aber ich denke nie: Oh, jetzt muss ich besonders originell sein!

Halvorsen: Stimmt, das denkt auch echt niemand. Ich glaube, die Vorstellung, dass irgendjemand etwas nur tut, um originell zu sein, ist ein Mythos von Musikkritikern. Aber was mich dann doch interessiert, ist wie Leute ihre eigene Originalität wahrnehmen. Hast du dafür ein Gefühl?

Portanet: Für mich ist das, wenn ich mich selbst in meiner Arbeit wiedererkenne. Dann ist da diese kindliche Freude. Wenn ich es mag, dann ist es stimmig.

Halvorsen: Ja. Es geht immer nur um Resonanz. Wenn man etwas hört und deswegen aufgeregt ist.

Zustra: Danke euch für das Gespräch!

Foto: Christian Schneider

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