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Juri de Marco: Seine Clownerie verschleiert doch bloß die Kampfeslust

Ein Beitrag von
12-04-2019

Er würde platzen. Oder auseinander reißen. Oder aber, und das wäre am plausibelsten, Juri de Marco würde verstummen. Dann hätte er kapituliert, angesichts der unvereinbaren zwei Stimmen, die in ihm wüten und ihm helfen, Dinge zu durchdringen.

Diese Extreme versteckt er gut. Keiner würde hinter der freudetrunkenen Fassade einen Kämpfer vermuten. Er, der schlagartig jede griesgrämige Stimmung wittert und mit Positivem durchstrahlt, wirkt wie ein Spaßmacher, den einfach jeder lieben muss, weil er der beste Gruppenklebstoff ist.

Aber Vorsicht! Die größte Gefahr ist, dass man Juri de Marco unterschätzt.

Er wickelt einen um den Finger, wenn er lauthals lacht und flapsig herumscherzt. Doch blitzartig ändert sich die Stimmung sobald man eine ernsthafte Frage stellt. Er sitzt erstarrt da – verschränkte Arme, den Oberkörper in die Rückenlehne gepresst, und seine Augen fixieren einen Punkt weit außerhalb des Gesprächsradius. Dann denkt er nach. Lange. Wenn er die Antwort gefunden hat, reicht es ihm nicht, diese im Endergebnis mitzuteilen. Ruhig und geerdet rezitiert er den Werdegang seiner These.

Der Prozess zählt.

Beinahe magisch, dieser Wechsel vom Polizisten der guten Laune zum Rationalen. Auch bei seinem Projekt muss man sehr genau hinsehen: Das »STEGREIF.orchester«, bestehend aus vierundzwanzig Instrumentalisten, will nicht reproduzieren. Sie wollen musizieren, als wäre es das erste und letzte Mal zugleich, dass eine Sinfonie, eine Oper, oder ein Solokonzerte gespielt wird.

 

Egal, wie viele Jahre die Musik auf dem Buckel hat. »Für diese Geisteshaltung ist uns jedes Mittel recht. Wir improvisieren, wir spielen auswendig, wir verlängern, wir kürzen, wir bewegen uns zwischen den Zuhörern, damit die Musik lebt«, sagt Juri de Marco.

Wenn ein Orchester choreografierend durch den Raum marschiert, dann ist schnell der Verdacht des plumpen Events geweckt. Mitnichten!

Keines der Mittel wird zum Prinzip erhoben. Alles ist möglich und nötig, wenn es nur der Lebendigkeit dient. Es wirkt unfassbar natürlich, wie sie sich von Klassik, über Polka, zu Jazz und Funk spielen, um dann wieder bei einer Sinfonie zu landen.

Wie Fische im Wasser. Das ist die Kunst.

Dabei sind die Anstrengungen, denen sich das »STEGREIF.orchester« ausliefert, enorm. Ohne Dirigenten müssen sie selbst entscheiden, wie ihre Improvisationen klingen sollen. Aber auch eine Basisdemokratie will organisiert sein: »Die Vielzahl der Meinungen macht uns aus. Wer denkt, wir verheddern uns in Befindlichkeitsabstimmungen, der liegt falsch. Wir haben gezielt Hierarchien und Gesprächsregeln installiert. Wenn wir für einen Takt ein ganz bestimmtes Knowhow benötigen, dann leitet derjenige das Orchester, der in diesem Gebiet Spezialist ist«, sagt Juri de Marco.

Der Routine entsagen.

Das klingt geschmeidig, hat es in der Konsequenz aber gehörig in sich. Mit ihrer radikalen Präsenz fordert sich das »STEGREIF.orchester« ständig neu heraus. Während also Dinge platzen, weil sie dem inneren Volumen nicht Stand halten und Dinge reißen, weil sie der äußeren Zugkraft erliegen, gewinnt Juri de Marco mit seinen zwei Kämpfern im Kopf. Weil er die Extrempunkte akzeptiert, aushält und transformiert. Und das alles für den Moment. Für das Hier und Jetzt.

 

Text und Interview: Christopher Warmuth

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