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Johann Günther: Wenn wir hören, was er hört, sieht die Welt ganz anders aus.

Ein Beitrag von
12-04-2019

Kleinkinder sind der Lackmustest für Geborgenheit. Wenn sie anschlagen, kann man seinem Gegenüber höchstwahrscheinlich trauen. Johann Günther besteht diesen Test in einer Stunde dreimal.

So viele Kinder zieht er in seinen Bann. Sie hören seine Stimme und drehen ihre Köpfe zu ihm wie Sonnenblumen sich ins Licht strecken. Sie starren ihn an solange bis die Eltern dazwischenfunken. Johann Günther sieht das alles nicht. Es geschieht hinter seinem Rücken.

@ Katya Abramkina

Johann Günther im Studio, aufgenommen von Katya Abramkina

Es ist schleierhaft.

Vielleicht evoziert diese Wirkung seine sonore Stimme, seine ruhende Körperhaltung oder seine Hingabe, mit der er über Dinge spricht. Selbst dann, wenn er meckert, klingt das respektvoll. Beispielsweise über die Major-Labels, egal ob »Deutsche Grammophon« oder »Sony«, die das verursacht haben, wogegen er kämpft, ja selbst dann grinst er noch. Bei den Majors sind die Anforderungen an neue Einspielungen verstumpft. Alles ist zigtausendfach geschnitten, die verschiedenen »takes« werden aneinander geflickt, die Realität wird zerhäckselt und allerlei Effekte quetschen durch die Mangel, was noch nicht aalglatt ist. Selbst die Beilagen sind ärmliche Feigenblätter, bunt und aufmerksamkeitsheischend.

»Ich bin schon eine ganze Weile Tonmeister und kann nicht mehr weiter machen ohne das zu thematisieren. Das, was derzeit den Markt bestimmt ist die perfekte Illusion. Ein Allgemeinplatz. Tot.«, sagt Johann Günther.

Kaum ein Klassikkünstler nimmt heute eine Platte auf, weil er für das Konzept »Aufnahme« brennt. Eine CD ist zur teuren Visitenkarten verkommen, die vor allem den Marktpreis in die Höhe treiben soll, damit Konzertveranstalter tiefer in die Taschen greifen. Gewinn mit dem physischen Verkauf? Niente! Auf die Frage, ob er denn noch ganz bei Sinnen sei, jetzt ein Musiklabel zu gründen, grinst er erneut. »Richtig. Aber es geht mir weniger um die Einspielung.«

Katja Abramyka

Auch die visuelle Dokumentation Günther’s Projekte, aufgenommen von Katya Abramkina, spiegelt Entschleunigung wieder.

Weniger Druck.

Die Maxime von »backlash music« sind nicht überraschend: weniger Schnitte, keine Ausbeutung der Künstler, wenig Druck während der Aufnahme und eine partnerschaftliche Bindung zu den Künstlern. Unfassbar herrlich ist, dass der Aufnahmeprozess selbst zum Kunstwerk wird. Denn in den Gewerken einer Musikentstehung steckt unendliche Leidenschaft, wenn Musiker über ihrem Konzept brüten, wenn sie stundenlang im Studio sitzen, wenn sie zweifeln, wenn sie fiebern. Wann kommt man so nahe an Musik heran?

Kein Klang auf Bestellung.

Das künstlerisch gedachte Label »backlash music« will all das dokumentieren und an die Aufnahme heften, multimedial im Netz. Videos von den ersten Konzeptionsgesprächen, bei denen wirklich gesprochen und nicht einfach bestellt wird, Podcasts über den Aufnahmeort, Artwork und Texte, die mehr Literatur sind als stupides Marketing. Der Kontext soll explodieren. Johann Günther will die Blackbox der Tonmeisterei ausleuchten und der Öffentlichkeit erschließen. Musik ist nicht nur eine Audiodatei, sie soll leben.

»Zum Prozess gehört für mich auch, dass ich scheitern kann. Das will ich leben«

Das darf einfach nicht passieren, denn »backlash music« ist wie die öffentliche Psychoanalyse einer Musikeinspielung, die es braucht. Ein Label mit Philosophie. Das wird jedes Kind verstehen.

Text und Interview: Christopher Warmuth

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