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Mut und Tyrannei des Geschmacks – Bálint András Varga im Gespräch

Ein Beitrag von
16-08-2018

Welchen Kämpfen – mit dem Material, mit den eigenen Grenzen, mit den tradierten Regeln, deren Überschreitung –  stellen sich Komponisten? 

Bálint András Varga, 1941 in Budapest geboren, führte zahlreiche Interviews mit Komponisten und veröffentlichte diese in mehreren Büchern. In „Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks“ versucht Varga herauszufinden, was in den Arbeitszimmern von Komponisten vor sich geht.

Noten, gefallen oder missfallen – je nach Geschmack, Intelligenz, Offenheit, Neugier und Erfahrung.

Das Buch ist auch ein Versuch, einen Blick in die Gedankenwelt der „Abnehmer“ – Kritiker und Festivaldirektoren – zu werfen. Sind sie sich der Subjektivität ihrer eigenen Urteile und Entscheidungen bewusst, und wie gehen sie damit um? Varga sammelt in seinem Buch Gedanken, Statements und Dialoge von und mit Musikkritikern, Festivaldirektoren und Komponisten und Komponistinnen wie Helmut Lachenmann, György Kurtág, Wolfgang Rihm, Sofia Gubaidulina und vielen mehr.

@Joseph Schimmer

Der Autor: Bálint András Varga

Seit wann beschäftigen Sie sich mit dem Thema Mut und insbesondere dem Mut der Komponisten?
Was war der Anlass?

Ich beschäftige mich mit dem Thema Mut seit meinem Buch „Drei Fragen an 82 Komponisten“, das 1986 auf Ungarisch erschienen ist. Die deutsche und amerikanische Fassung wurde vor wenigen Jahren veröffentlicht.
In jenem Buch kommt das Thema „Mut“ bei verschiedenen Komponisten vor, auch bei Helmut Lachenmann, der die Idee im neuen Buch so vehement ablehnt. Schon damals fiel mir ein, dass es interessant wäre, einmal ein ganzes Buch dem Mut zu widmen. 

Was bedeutet Mut für Sie persönlich?

Ich habe seit 1971 mit Komponisten gearbeitet, zunächst bei Editio Musica Budapest (1971-1990), dann bei der Universal Edtion (1992-2007) und konnte die Wirkung von Mut oder den Mangel davon fast tagtäglich beobachten (wie auch die drei Fragen, die ich zunächst an so viele Komponisten gerichtet habe, erlebte ich in meiner täglichen Arbeit). Ich lebte bis 1989 im sozialistischen Ungarn, wo es Mut erforderte, die New York Group of Composers (Cage, Feldman, Wolff, Brown) in Konzerten vorzustellen und unter ihrem Einfluss selbst Musik zu schreiben. Dies ist nur ein Beispiel von vielen anderen. 

Welche war ihre mutigste Entscheidung/ihr mutigster Schritt im Leben?

Was immer ich unternehme (auch die Beantwortung Ihrer Fragen), erfordert Mut. Ich habe wenig Selbstvertrauen und bin ein depressiver Mensch. Den Mut Anderer verfolge ich deshalb mit besonderer Empathie.

Experimentelle Musik

433 Sekunden Stille: Diese Komposition von John Cage wäre im sozialistischen Ungarn als ganz und gar nicht mutig erklärt worden. 

Bei Ihren vielen Recherchen sind sie auf viele wunderbare Komponist*innen gestoßen – wenn Sie sich zurückerinnern an die Gespräche mit den Komponist*innen: welcher Komponist oder welche Komponistin hat sie mit welcher Komposition am meisten berührt?

Mir steht die Persönlichkeit und die Musik György Kurtágs besonders nahe. Alle seine Werke machen einen starken emotionalen Einfluss auf mich, es wäre schwierig, ein einziges Werk hervorzuheben. 

Wenn Sie zeitgenössische Komponisten mit einer Figur wie Beethoven vergleichen – was hat sich aus ihrer Sicht in all den Jahrhunderten verändert? Ist es heute schwieriger mutiger zu sein als zu Beethoven’s Zeit?

Ich glaube, Beethoven brauchte mehr Mut, als seine Nachfolger im 20. bis 21. Jahrhundert. Er war eine Einzelerscheinung, niemand unter seinen Zeitgenossen hat eine annähernd gewagte Musik geschrieben. Er war ein einsamer Riese, ohne Geistesgenossen, wie das heutige Publikum, das die Säle in Donaueschingen, Stuttgart, Huddersfield, Wien und des Miller Theaters in New York, füllt. 

Der Komponisten Mut und die Tyrannei des Geschmacks ist 2016 im Wolke Verlag, Hofheim erschienen.

Foto: @Joseph Schimmer

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