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ER IST WIEDER
DA-DA-DA-DAAA
Rückblick #bebeethoven showcase

Ein Beitrag von
24-10-2019

„Hot” und nah und gefährlich, mit diesen Worten sei sie lange nicht vorgestellt worden, schmunzelt Hortensia Völckers, Direktorin und Künstlerische Leiterin der Kulturstiftung des Bundes. Wortspielerisch lässt sie dabei offen, ob sie von sich persönlich spricht oder von der Kunst, um die es im Showcase des Projektes #bebeethoven im Berliner Radialsystem geht.

Unter dem Thema „Schein & Sein” steht diese gefühlt hundertste Präsentation der zwölf #bebeethoven-Fellows – denn deutschlandweit zeigen die Künstlerinnen und Künstler seit Beginn der dreijährigen Förderung anlässlich des nahenden Beethoven-Jubiläumsjahres immer wieder irgendwo, dass sie mit ihrer kreativen Arbeit jeden Euro wert sind, der in sie investiert wird. Hortensia Völckers’ strahlendem Gesicht nach zu urteilen, ist über-erfüllt, was sie sich erträumt hat, als sie mit einem Gremium „kluger Leute”, wie sie rückblickend sagt, vor drei Jahren grübelte, wie man den runden Geburtstag des großen Musikrevolutionärs so begehen könnte, dass nicht nur seine Kompositionen, sondern auch sein Geist neu erlebbar würden. Und als „ein junger Mann” wie beiläufig eine Idee formulierte, die alle wie vom Blitz getroffen überzeugte.

Ebendieser junge Mann lässt auch heute nicht locker. Statt cool und distanziert, soll Kunst „hot” sein und uns nahekommen, sagt Steven Walter, der Kurator und Künstlerische Leiter von PODIUM Esslingen von #bebeethoven. Auch in seiner Impulsrede für diesen Abend betont er die Dringlichkeit, mit der das Projekt „Filterblasen der Eindeutigkeit” zerfetzt und Künstler*innen einlädt, ihren individuellen Weg in der Musiklandschaft einzuschlagen. „Wieder etwas meinen, wieder etwas wollen – an Großes glauben und zu weit gehen”, fordert Steven Walter. „Die Pandora-Box des Möglichkeitssinns öffnen – daran ist der Erfolg von #bebeethoven zu messen. Und schon jetzt, kurz nach Halbzeit des Programms, zeigen sich wunderbare Früchte dieses Zu-weit-Gehens.”

Im hinteren Drittel des Saales performen bereits seit einer Stunde eine Geigerin und eine Sopranistin im Wechsel und Zusammenspiel mit einer Kontrabassistin und einem Kontrabassisten. Sie machen „Musik aus dem All” hörbar, im Projekt der #bebeethoven-Fellows Quadrature. Sonifizierte Meteoritenbewegungen werden als Lichtpunkte auf vertikale Monitore mit Notenlinien übertragen, die die Musiker*innen „vom Blatt spielen”. Anfangs gehen die Zuschauer*innen noch auf Tuchfühlung und betrachten das Fiepen, Kieksen und Grummeln der Instrumentalist*innen, als wären diese selbst Außerirdische. Mehr und mehr aber wird die „himmlische Musik” zur Irritation – stört sie doch die folgenden Redebeiträge. Wer aber wollte den Kosmos zum Verstummen bringen oder die künstlerische Konzentration der Performer*innen brechen?

Die Wiederverzauberung der Welt, mit allen unseren Mitteln, fordert Steven Walter. In Zeiten, in denen das „Wahre, Schöne und Gute” eines bürgerlichen Kulturverständnisses längst einer „postfaktischen Wahrheits-Unbefangenheit – oder nennen wir es Bullshit” gewichen sei, der Schönheitsbegriff kitschig und unglaubwürdig wirke und der Begriff des Guten in einer subjektiv geprägten Wahrnehmungswelt kaum mehr ein übereinstimmend gültiger sei, scheine dies überfällig. Ganz im Sinne Beethovens also alle Möglichkeiten eröffnen, ganz auth… Und schon fährt Steven Walter sein Publikum elegant und haarscharf vor die nächste Wand. Denn Authentizität kann es nach methodischen Betrachtungen gar nicht geben.

Zu diesem Thema gibt der Kulturwissenschaftler Thomas Düllo, an der Berliner Universität der Künste Professor für Verbale Kommunikation und Texttheorie, einen prickelnden, elektrisierenden Forschungsüberblick. Mit dem ästhetischen, kulturtheoretischen und medientheoretischen Fazit: „Authentizität taugt nur noch als Kriterium zur Unterscheidung verschiedener Grade der Künstlichkeit.” Und doch gibt es den unkaputtbaren, berechtigten Wunsch nach Authentizität – sozial, kulturell, ästhetisch. Wohin führt diese menschliche Sehnsucht?

Wenn man den authentischen Beethoven nicht abbilden kann, kann man also nicht handeln, als ob man heute Beethoven sei. Oder doch? Vielleicht. „Die Künste denken, bearbeiten, gestalten das Allgemeine vom Besonderen aus. Und dieses Irreduzible hat einen authentischen Stachel”, fasst Prof. Düllo zusammen.

Diesen Stachel senken alle zwölf #bebeethoven-Fellows ins Fleisch der Gewohnheit. Holly Herndon und Mat Dryhurst berichten abstrakt von dem Stimm-Klon, der „zweiten Holly” mit den unbegrenzten stimmlichen Möglichkeiten, der künstlichen Intelligenz, die von Papa Mat mit Zahlen und von Mama Holly mit Gesangslinien gefüttert wird. Mit Matthias Röder, dem Leiter des Karajan Instituts und Ausrichter der Karajan Music Tech Conference in Salzburg diskutieren sie Möglichkeiten und Beschränkungen durch Künstliche Intelligenz. Wo Röder, im Sinne von Herbert von Karajans Neugier auf neueste Technik, offen sein will für alle Möglichkeiten, warnen die Fellows vor der Bequemlichkeit, sich ästhetischen Empfehlungen von Spotify & Co zu unterwerfen.

Die Moderatorin Andrea Thilo lädt immer wieder das Publikum ein, sich an den Diskussionen auf dem Podium zu beteiligen. Mehr aktive Teilnahme am künstlerischen Schaffensprozess eines anderen ermöglicht Alexander Schubert mit seinem #bebeethoven-Projekt „Wikipiano”. Jede*r kann mitkomponieren an einer Performance-Matrix, die im Internet verfügbar und veränderbar ist. Der Pianist Mathias Halvorsen spielt die aktuellste Version, gestaltet einige Textpassagen mit Operetten- oder Musicalcharakter, verkörpert diverse Smileys in der Partitur und improvisiert auch zu einem durch eine*n User*in eingefügten Kätzchenbild ganz ernsthaft. Eine Zuschauerin hebt die Unterschiede der Performance zu einem früheren Konzert beim Huddersfield Music Festival hervor und ist fasziniert von den Möglichkeiten der offenen Partitur.

Größtmögliche Zurückgezogenheit zeigt #bebeethoven-Fellow Johann Günther. Der Tonmeister hat mit dem Lassus Quartett Salvatore Sciarrinos Streichquartett „Ombre nel mattino di Piero” aufgenommen, in absoluter Stille. Die Beteiligten haben während der sechs Tage dauernden Aufnahme kein Wort mit einander gesprochen. Ein geräusch- und musikstarker Film über das Projekt ist entstanden. Erstmals spielt das Ensemble im Anschluss an die Filmvorführung das Werk live. Für einige Zuschauer*innen zu viel Intensität, sie verlassen den Saal. Andere sind dankbar für das derart geschärfte Gehör und empfinden die Fokussierung nach, von der die Musiker und der Tonmeister im Anschluss sprechen.

Niemals in einen Ruhepuls zu finden scheint dagegen Koka Nikoladze. Sein neuestes #bebeethoven-Projekt heißt „Ludwig”, er lässt in einem Kurzfilm allerhand Geisterbeschwörer*innen und Medien Kontakt mit Beethovens Seele im Jenseits aufnehmen und kündigt an, das Vorhaben bald „bei einem empfohlenen Schamanen in Afrika fortzusetzen”. Den Kompositionsauftrag auf die Spitze treiben, auch das ist eine Annäherung an Beethoven. Und auch ein öffentlicher Blick in die Schaffenswerkstatt: Bei Koka Nikoladze wirkt ein Konzert mit seinen aus Alltagsgegenständen getüftelten Beat Machines immer, als sei es ihm eigentlich gleichgültig, gestrige Geistesblitze heute vorzuführen. Wie ging es wohl einem Erfinder wie Beethoven damit?

Für die letzte Arbeit des #bebeethoven-Showcases betritt noch einmal Mathias Halvorsen die Bühne. Er hat das Wunderwerk vollbracht, Giacomo Pucchinis „La Bohème” mit jeder Note, inklusive aller Gesangssolisten, Chöre und Orchesterstimmen auf genau zwei Instrumente zu verteilen. Während der Arrangeur am Flügel platznimmt und als musikalischer Partner der Geiger Mathieu van Bellen hinzukommt, richten sich aller Augen auf die Leinwand, auf der wie Stummfilmeinblendungen sämtliche Texte und Regieanweisungen mitzulesen sein werden. Halvorsens „Bohème” bringt vieles zusammen, das man einem heutigen Beethoven auch zuschreiben würde. Unbändige Musikalität, Wagnis und eine Schönheit, die durch den Verzicht auf alles Überflüssige entsteht. Mit dem Plus, dass jeder im Publikum sich unmittelbar mit den Künstlern verbunden fühlt. Und dann ist sie doch da, für diese Momente, in denen jeder ganz bei sich selbst ist: die Authentizität des Augenblicks.

Fotos: Catharina Tews

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Koka Nikoladze ist Komponist und leidenschaftlicher Bastler. Der gebürtige Georgier, der heute in Oslo lebt, baut kuriose Beatmaschinen. Erst war es nur ein Hobby, doch Irgendwann postete Koka Nikoladze Videos von seinen selbstgebauten Instrumenten auf Facebook – und sie gingen viral.