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Folge #2: Die Schönheit der Sprungfeder

Ein Beitrag von
13-05-2020

Der Violinist und Komponist Koka Nikoladze entdeckte in einer Sinnkrise die Liebe zur Ingenieurskunst, zur Technologie und zum Programmieren. Seitdem verbindet er all das zu einem Werk, das sich nicht entscheiden muss, ob es jetzt in der Klassik, in der modernen Kunst, in der „Neuen Musik“ oder in der Werkstatt zuhause sein will. Der #bebeethoven-Fellow komponiert, erfindet interaktive Tools zur Echtzeit-Steuerung eines Orchesters, baut Musikinstrumente und entwickelt immer wieder komplexe „Beat Machines“, in der schon mal eine Sprungfeder die Snare-Drum gibt und ein Fahrradschlüssel den Takt klackert.

In Koka Nikoladzes Wahlheimat Oslo gibt es gleich zwei öffentlich zugängliche Orte, an denen man diesem außergewöhnlichen Künstler in den Kopf schauen kann. Der erste findet sich im Stadtteil Grünerløkka unweit des Schous Plass in der Straße Trondheimsveien: das „Popsenteret“ – ein kleines, spannendes Museum, das sich der Geschichte der populären Musik Norwegens von 1904 bis in die nahe Zukunft widmet. Zwar sieht man dort auch die unvermeidbaren historischen Artefakte von Instrumenten und den ein oder anderen Gegenstand, den Morten Harket von a-ha berührt hat, aber das „Popsenteret“ ist eher ein Raum der Entdeckung und des interaktiven Musizierens. Als Teil der Dauerausstellung steht dort im ersten Stock Nikoladzes „Beat Machine No. 3“.

Man weiß – wie bei vielen seiner Erfindungen – gar nicht, wo man zuerst hinschauen soll: auf die viertelvolle Colaflasche, die als Klangkörper für einen tiefen Bass dient? Auf den Anhänger mit dem kleinen Fahrradschlüssel, der ein metallisches Rascheln erzeugt? Auf die vier mit schönen Designs verzierten Streichholzschachteln, die zumindest optisch das Herzstück der „Beat Machine No. 3“ bilden? Auf den Ping-Pong-Ball, der einen Takt schlägt und die Biss-Spuren von Nikoladzes Hund Moby trägt? Oder auf das clevere Konstrukt aus Holzplatten und zahlreichen Foldback-Klammern, die all diese Elemente fest zusammenhalten, selbst wenn die Maschine gerade in voller Fahrt ist? Und was macht überhaupt die Gabel da hinten? Hinzu kommt bei all diesen Fragen die musikalische Komponente: Wenn man die Augen schließt und nur die Sounds wirken lässt, hört man nicht nur die vertrackten, sich selbst komponierenden Beats, sondern auch Geräusche, die wie Synthesizer der frühen 80er klingen, obwohl sie von einer Handpumpe erzeugt werden.

Das dritte Modell seiner „Beat Machine“-Reihe ist vielleicht auch sein persönlichstes. Denn hier hat Nikoladze noch deutlicher umgesetzt, was er immer tut: Er baut diese Maschinen als Momentaufnahmen seines Lebens. „Die Cola-Flasche zum Beispiel stand sehr lange auf meinem Schreibtisch rum“, erklärt er. „Den Ping-Pong-Ball habe ich Moby geklaut – aber keine Angst, er hat einen neuen bekommen. Die Gabel ist aus unserer Küche – meine Familie muss eben etwas häufiger Besteck nachkaufen.“

„Ich kam mir vor wie ein dressierter Affe“

Diese Maschinen sind zwar nur ein Teil seines Schaffens, aber sie nehmen eine Schlüsselrolle im Leben des gebürtigen Georgiers Koka Nikoladze ein. Denn sie waren es, die seinem schon früh vorbestimmten Kurs eine neue Richtung gaben. „So um 1995, als ich sechs war, kam meine Mutter irgendwie auf die Idee, mich zu einem klassischen Violinisten zu machen“, erzählt er. Er genoss eine sehr intensive Ausbildung am Konservatorium in Tiflis. „Meine Fähigkeiten waren…, nun ja, sagen wir es so: Wenn ich viel übte, war ich gut!“, sagt er und lacht. Da er schon als Kind sehr ambitioniert war, hat er genau das getan: geübt und geübt und geübt. Hinzu kamen sehr große Erwartungen seitens seiner Lehrer „und vielleicht auch indirekt von meiner Mutter“, sagt er. Später studierte Nikoladze an der Musikhochschule Stuttgart Musik und Komposition – auch sie erlebte er als eine sehr strukturierte, traditionelle Einrichtung. „Mir kam es so vor, als drehte sich in meinem Leben alles um die Musik. Aber auf eine ungute Weise. Ich kam mir vor wie ein dressierter Affe.“ Diese Mischung aus Frustration, Druck und Verwirrung stürzte Nikoladze mit Mitte Zwanzig in eine tiefe Sinnkrise. „Ich merkte, dass ich zwar ein sehr kompliziertes Instrument spielen konnte und etwas von Komposition verstand, dabei aber alles andere aus den Augen verloren hatte. Ich hatte kaum Ahnung von Mathematik, Physik, Biologie, Technik.“

„Als es mir so schlecht ging, suchte ich Wege, um meinen über die Jahre auf Musik getrimmten Geist zu überlisten.“

Die Suche nach einem Ausweg führte den Künstler schließlich zu „Bitraf“ – es ist der zweite Ort in Oslo, an dem man sehen kann, wie Nikoladze denkt und arbeitet. „Bitraf“ ist ein Hacker- und Makerspace, angesiedelt in der Pløens Gate 4, einer Seitenstraße der zentralen Osloer Einkaufsstraße Storgata. Es gibt kaum ein Porträt oder einen Fernsehbeitrag über Koka Nikoladze, in dem er nicht mindestens einmal „Bitraf“ namedropped – ganz einfach, weil die Arbeit dort ihn damals „gerettet“ hat, wie er selbst zugibt. „Als es mir so schlecht ging, suchte ich Wege, um meinen über die Jahre auf Musik getrimmten Geist zu überlisten. Auf der Suche nach einem Arbeitsplatz außerhalb unserer Wohnung entdeckte ich ‚Bitraf‘ und damit eine ganz neue Art zu arbeiten und auch zu denken.“

Bei „Bitraf“ treffen sich in einer Atmosphäre zwischen Start-up-Wuseligkeit, Werkunterrichts-Konzentration, LAN-Party-Set-up und Laboratmosphäre Bastler*innen, Musiker*innen, Grafiker*innen und Programmierer*innen – 24/7, offen für jede und jeden, die oder der Interesse mitbringt. Diese kreative, aber freie Atmosphäre half ihm ungemein. „Vor ‚Bitraf‘ dachte ich, ich müsse erst jahrelang an einer Universität oder einer Akademie studieren, wenn ich eine komplexe Tätigkeit erlernen möchte. ‚Bitraf‘ zeigte mir einen völlig neuen Weg.“ Dort lernte er viel über Maschinenbau von einigen Profis, die auf diesem Feld arbeiten – aber ebenso von Teenagern, die sich aus Eigeninteresse reingenerdet haben. „Wir saßen zusammen, schauten Videos, lasen Bücher, zeigten uns, wie einzelne Geräte funktionierten, diskutierten über verschiedene Arbeitswege.“ Nikoladze habe sich an manchen Tagen wie ein Kind gefühlt, das mit großen Augen den Erwachsenen beim Dingebauen zuschauen konnte und einen Haufen Fragen stellen durfte. „‚Bitraf‘ hat das ermöglicht, deshalb bin ich ihnen auf ewig dankbar.“

Rationaler Akademiker und neugieriges Hacker-Kid

Die Arbeit an den Beat Machines sei dabei eigentlich nur eine Ablenkung gewesen, erzählt er weiter. „Ich saß oft dort herum und experimentierte mit Sounds und Gegenständen, tat irrationale und eher intuitive Dinge.“ Statt von der Musik auszugehen, ließ er sich vor allem von Gegenständen inspirieren, die entweder eine persönliche Verbindung zu seinem Leben hatten, wie bei der „Beat Machine No. 3“, oder die manchmal aber auch einfach einen ästhetischen Reiz mitbrachten. „Eine Sprungfeder zum Beispiel ist etwas Wunderschönes“, schwärmt Nikoladze. Oft sei er bei ‚Bitraf‘ einfach durch die Räume gezogen, um Gegenstände zu finden, die seine Neugier triggerten.

Die ihm eigene Ambition packte Nikoladze jedoch auch hier – er schaffte sich neben den Maschinenbau-Basics auch ein umfangreiches Wissen über aktuelle technische Entwicklungen drauf, lernte den Umgang mit der Programmiersprache C++, um die Algorithmen zu programmieren, die nun einige seiner Beat Machines antreiben. „Bei ‚Bitraf‘ habe ich gemerkt, dass man viel schneller lernt, wenn man sich mit Menschen umgibt, die enthusiastisch in ihrem Beruf sind und die eine Freude daran haben, ihr Wissen zu teilen.“

„Es fühlt sich an, als hätte ich zwei Personen in mir: einen rationalen Akademiker und ein neugieriges Hacker-Kid. Und das Gute dabei ist: Ich kann die beiden in meinem Kopf in einen Dialog treten lassen.“

Es sind diese extremen Pole aus dem strikten Drill seiner Laufbahn als Musiker und dem freien Lernen der ‚Bitraf‘ Community, die Nikoladzes heutiges Arbeiten formten. Und er ist sicher, dass das eine das andere bedingt. „Ich wäre niemals der Künstler geworden, der ich heute bin, wenn ich nicht auch durch diese strenge akademische Maschine gegangen wäre. Und ich bin immer vorsichtig damit, diesen Planeten namens ‚Akademia‘ zu kritisieren. Es gibt dort vieles, das durchaus kritikwürdig ist, vor allem wenn es um Lehrmethoden geht, aber die akademische Bildung und die Ideen, die dort verhandelt werden oder gerade entstehen, sind immer noch enorm wichtige Motoren, um unsere Gesellschaft voranzubringen.“

Auf simple Psychologie runtergebrochen könnte man nun sagen, Nikoladze habe sich durch diesen zweiten kreativen Frühling ein Stück der unbeschwerten kindlichen Neugier zurückgeholt, die ihm das Konservatorium einst ausgetrieben hatte. Er lacht, wenn man ihm das als These vorschlägt. „Ja, vielleicht trifft das die Sache. Es fühlt sich an, als hätte ich zwei Personen in mir: einen rationalen Akademiker und ein neugieriges Hacker-Kid. Und das Gute dabei ist: Ich kann die beiden in meinem Kopf in einen Dialog treten lassen.“

Technik als modernste Kunstform

Das lässt sich auch immer wieder an seinen Arbeiten ablesen – manchmal gar in einem einzigen Projekt. 2018 präsentierte er zum Beispiel in der Elbphilharmonie im Rahmen des #bebeethoven-Projekts seine „Interaktive Symphonie“ mit dem Ensemble Resonanz. Hier ließ Nikoladze den inneren Tüftler von der Leine, um ein Tool zu entwickeln, mit dem er ein Orchester in Echtzeit mit seinen „Knöpfen und Reglern“ steuern kann, „wie einen menschlichen Synthesizer sozusagen“. Natürlich keine neue Idee, aber: „Es war einfacher, selbst dafür eine Technologie zu entwickeln, als ein bestehendes System zu kaufen.“

Während manche mit Projektionen oder einem iPad-Netzwerk arbeiteten, designte und produzierte er interaktive Notenständer – und programmierte auch gleich die Software dazu. „KOI“ nannte er das System mit einem Augenzwinkern, denn die Abkürzung steht für „Kokas Orchestra Interface“. Auch hier wird seine Erzählung hin und wieder von einem Lachen begleitet, denn: „Ich dachte, ich würde mein Leben und meine Arbeit als Live-Komponist damit vereinfachen. Stattdessen wurde es zu einem organisatorischen Alptraum: Erst musste ich die Technik entwickeln, dann musste ich sie all den Musiker*innen erklären, dann musste ich damit klarkommen, dass sich einige von ihnen durch diese Technik entmündigt fühlten. Ich habe zwar viel gelernt, aber nach ein paar Performances dachte ich mir dann doch: Jetzt ist es Zeit für was Neues, mit weniger Risiken und Nebenwirkungen.“ Trotzdem sei er dankbar für diese Erfahrungen, denn: „Viele Dinge, die ich dort entwickelt habe, nutze ich nun an anderen Stellen.“

„Für mich ist Technik die modernste Kunstform. Sie verändert Gesellschaften, sie verändert wie wir arbeiten, wie wir sehen, wie wir denken.“

Vielleicht ist diese Einstellung, die Koka Nikoladzes Arbeit so wegweisend macht: Durch seinen Lebens- und Bildungsweg bringt er das Künstlerische mit dem Technischen zusammen und wird nicht müde zu betonen, dass auch hier das eine das andere bedingt. Was übrigens auch Beethoven schon wusste und forcierte, als er sein Wissen und seine Erfahrungen mit den von ihm geschätzten Klavierbauern teilte. Nikoladze geht sogar noch einen Schritt weiter und sagt: „Für mich ist Technik die modernste Kunstform. Sie verändert Gesellschaften, sie verändert wie wir arbeiten, wie wir sehen, wie wir denken.“ Und obwohl jede technische Entwicklung das Potential für Destruktives und Positives in sich trüge, will der Künstler dem Fortschritt optimistisch zuarbeiten. Vor allem in seinem Feld sieht er spannende Entwicklungen kommen: „Schon jetzt kann jeder mit dem nötigen Wissen seine eigenen Instrumente bauen. Durch 3-D-Drucker werden in Zukunft auch die Produktionsmittel günstiger und damit zugänglicher, das ist großartig. Ich zwinge mich dazu, zu glauben, dass die Leute eher eigene Instrumente als Waffen damit bauen werden“, sagt er und lacht noch einmal laut auf.

Fest steht: In naher Zukunft wird Koka Nikoladze sich und uns mit weiteren Projekten auf Trab halten. Er jongliere immer mit einer ganzen Reihe davon, gibt er zu. Das wegen der Corona-Pandemie ausgefallene Konzert mit seinen Beat Machines im März 2020 in Bonn wird im Herbst nachgeholt, außerdem plane er schon seit langem ein Album, für das er von ihm gebaute Instrumente und Beat Machines mit seinen Lieblings-Musiker*innen zusammenbringt, von denen schon viele zugesagt haben. Da wird dann sicher auch die von ihm gebaute „Valhǫllfele“ zum Einsatz kommen – wenn er auf dieser Violine spielt, klingt es ein wenig so, wie man sich einen Geiger im letzten „Mad Max“ vorstellen würde: verhallt, metallisch und fast apokalyptisch schön. Oder sein „MacBook Bow“, ein Violinenbogen-Tool, mit dem er direkt ins MacBook spielen kann. Ein Video davon gibt es auf seinem Vimeo-Profil „nikoladze“ zu sehen. Ein Anblick, der viel besser beschreibt, was der #bebeethoven-Fellow so alles treibt, als das jeder auch noch so lange Text es je könnte.

 

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