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Folge #7:
Die Frage nach dem Begehren

Ein Beitrag von
27-07-2020

Wie lässt sich mit Klassik ein bestehendes, aber vor allem auch neues Publikum faszinieren? Mit dem Kanon an Tonträger-Aufnahmen vielleicht, oder dem Besuch großer Live-Events? Wer so denkt, hat eher das Dilemma des Genres als eine Lösung vor Augen. Der Tonmeister und Labelbetreiber Johann Günther dagegen setzt überkommene Strukturen ganz neu auf – und liefert so Inspiration für eine ganze Branche.

Ist es nicht ein schönes Gefühl, wenn man endlich alles fertig einsortiert hat? Man steht vor gefüllten Regalen, die Plattensammlung schnurrt von A bis irgendwo ganz hinten zu Z. Jetzt kann das Einstauben beginnen – denn wenn doch alles komplett ist, warum sollte man noch jemals wieder Hand anlegen und irgendwas ergänzen?

Ähnlich finit verhält es sich mit dem Markt der Klassikaufnahmen. Den Archiven mangelt es an nichts, praktisch alles wurde mindestens einmal, meist auch mehrfach auf Tonträger überführt. Na, da kann man also die Zeit nutzen, sich mit klassischer Musik dort auseinander zu setzen, wo sie hingehört: im Konzert. Die Elbphilharmonie soll beispielsweise sehr schön sein, ein richtiges Erlebnis, so etwas kann einem ohnehin keine CD einfangen. Aber nichts gegen die Tonaufnahmen natürlich! Da hat der Hörer etwas für schlechte Zeiten – und sie können mit weiterem Weltkulturerbe ins All gesendet werden, so wie die Voyager Golden Records. Als kleine Grußbotschaft für außerirdische Lebensformen.

Was in dieser Gemengelage zwischen Archiv und Alien-Beschallung allerdings wirklich nicht mehr für den Klassikmarkt von Interesse ist, sind neue Aufnahmen bereits wegsortierter Werke. Absolut überflüssig. Oder?

Fokus weg vom Produkt und hin zum Prozess

„Ich erinnere mich an eine Aufnahme, die ich mit dem Pianisten Mathias Halvorsen im Riks-Hospital in Oslo machte. Es ging um eine Reihe kleinerer Field Recordings der ‚Goldberg-Variationen‘. Wir haben den kleinen Flügel so genommen, wie er dastand, in einem riesigen Atrium mit Zugang zu allen Krankenstationen, haben kurz aufgebaut und dann hat er quasi konzertant das Stück gespielt. Es war viel Verkehr, also Ärzte und Besucher – das besaß aber eine schöne Qualität, klanglich sehr konzentriert, nicht wie bei einer Einkaufsstraße oder so etwas. Und dieses plötzliche Zusammenspiel der Hintergrundgeräusche mit der Musik war für uns ein Erweckungserlebnis, wie sich diese Parameter treffen können.“

Wenn Johann Günther von Aufnahmen erzählt, vermittelt sich sofort die Faszination, die ihn antreibt. Er stellt sich keineswegs gegen die Tatsache, dass die Katalogisierung der klassischen Musik quasi vollbracht ist. Lediglich zieht er andere Schlüsse aus dieser Ausgangslage. Er geht viel eher raus – und drückt erst recht die Record-Taste.

„Und dieses plötzliche Zusammenspiel der Hintergrundgeräusche mit der Musik war für uns ein Erweckungserlebnis, wie sich diese Parameter treffen können.“

Johann Günthers Profession ist die des Tonmeisters, der gebürtige Mecklenburger studierte in Berlin an der Universität der Künste. Unter seiner Leitung entstanden bereits eine Fülle von Kammermusik-, Solo- und Orchesteraufnahmen. Das Besondere an seiner Herangehensweise ist, dass es ihm darum geht, den Fokus vom Produkt hin zum Prozess zu verschieben. Johann Günther, der mit jenem in Island lebenden Pianisten Mathias Halvorsen das Label „backlash music“ betreibt und gemeinsam mit zwei Kolleg*innen die Musikproduktionsfirma „nordklang“ unterhält, ist Pionier einer nur vermeintlich auserzählten Story.

Die Aufnahme als Teil der Kunst

Wer in Günthers Räumlichkeiten nun allerdings den großen Boxen-, Verstärker- und Mischpulte-Flashmob erwartet, liegt falsch. Sein heimisches Studio-Equipment zeigt sich überschaubar, denn es geht hier vor Ort lediglich um Post-Produktion. Alles weitere muss mobil sein: Günther bringt die Technik zur Musik nicht umgekehrt.

Er hat dabei das gefunden, was einer ganzen Branche abhandengekommen scheint: den Zugang zu zeitgemäßen Spielräumen innerhalb des Kanons klassischer Musikproduktionen. All die tongewordenen Monolithen lassen sich wieder aufbrechen, indem die Aufnahme selbst als Teil der Kunst verstanden wird. So öffnen sich freiere Zugänge zu einem Werk und eine atmosphärische Dichte wird erzeugt, die das Ergebnis mitunter sehr stark aufzuladen vermag.

Johann Günther will kontemporäre Klassik-Produktionen spürbar, erlebbar, ja, begehbar machen.

In Günthers Konzept lassen sich Rückkanäle aufmachen zu Walter Benjamins einflussreicher Schrift von 1935, „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“. Das Werk muss nicht neu interpretiert werden, es geht vielmehr um die Verschiebung der Wahrnehmung. Johann Günther will kontemporäre Klassik-Produktionen spürbar, erlebbar, ja, begehbar machen. Am besten mit Projekten, die eine „längere Reise“ beinhalten, wie er es beschreibt. Konkret bedeutet das beispielsweise das Einfangen von Sekundär-Material wie etwa Videos, Texten, Geschichten rund um das Recording-Ereignis, ebenso wie das Schaffen von Meta-Ebenen wie Podcasts, die das multimediale Produkt mit weiteren Informationen und Deutungen aufladen.

Ungeklärte Finanzlage

Während sich der Pop-Markt immer schneller vom physischen Produkt der CD entfernt, ist der Klassik-Tonträger statistisch gesehen stabiler im Absatz. Dennoch gehen, laut Bundesverband der Musikindustrie, die Neuerscheinungen in den vergangenen zehn Jahren weiter zurück. Für die guten Absatzzahlen sorgen vornehmlich Platten, die über Namen und Berühmtheit verkauft werden. Bestseller für einen breiten Markt mit Platin- und Goldauszeichnungen, wie etwa vom Opernsänger Jonas Kaufmann, hübschen das Saldo einer Branche auf, deren Produktionen längst von einer Innovationsstarre befallen sind.

Talentierte und motivierte Absolvent*innen der Musikhochschulen müssen schnell feststellen, dass der Markt kaum Möglichkeiten für frische Ideen und junge Künstler*innen bereithält. Wer trotz dieses Klimas seiner Kunst nicht nur Gehör, sondern auch einen Tonträger verschaffen will, landet heute vornehmlich beim Crowdfunding. Diese Gruppenfinanzierung brachte viele spannende Projekte zur Welt, ist aber in den meisten Fällen natürlich jenseits von Marketing-Budget kalkuliert – und die daraus resultierenden Klassik-Neuschöpfungen bleiben nicht selten Liebhaberei.

Dass Künstlersein Flexibilität und Schöpfungswillen auch abseits der Musik erfordert, stellt dabei allerdings keine Erfindung des Neoliberalismus dar. Selbst Beethoven sah sich seinerzeit gezwungen, neue Wege zu finden, mit seiner Arbeit eben auch Geld zu verdienen. Seine Partituren wurden gedruckt und wie Bücher verkauft. So eröffnete er sich einen damals neuen Markt, um seine Arbeit zu finanzieren.

Woher kommt denn jetzt diese Begeisterung?

„Warum macht ein Künstler jetzt gerade dieses Projekt, was ist das Begehren?“, fragt Johann Günther. „Das wird im klassischen Musikmarkt in der Regel überhaupt nicht sichtbar – und wenn mal was drum herum gebaut wird, handelt es sich im besten Fall um eine Auratisierung des Künstlers, oder es wird eine Story präsentiert, wie zum Beispiel ‚Rolando Villazón in Italien‘. Letztlich ist das aber alles super dünn. Man spürt nicht: Woher kommt denn jetzt diese Begeisterung?“

Veröffentlichungen werden von den großen Plattenfirmen oft für den Handel an Jubiläen oder Groß-Events gekoppelt. Ein wirklich interessantes Booklet, das über den Standard mit alibimäßigem Wikipedia-Charme hinausgeht? Selten. Zudem: Welche Bedeutung besitzt überhaupt noch das Medium Booklet bei unter Dreißigjährigen? Die Hörgewohnheiten erleben gerade eine deutliche Verschiebung, Streaming ist das Musikhören der Stunde, hier verliert sich der Bezug zwischen Musik und ihrem Hintergrund. Dabei ist der Hintergrund einer Aufnahme so viel mehr als bloßes Ornament.

„Mit meinem Label ging es darum, einen experimentellen Raum zu öffnen, Dinge zu probieren.“

Mit dem Schweizer Lassus Quartett hat Johann Günther ein Stück des zeitgenössischen italienischen Komponisten Salvatore Sciarrino aufgenommen. In einer norwegischen Kirche. „Ich kannte die Kirche von einer anderen Aufnahme und wusste: Ich will es dort machen. Das ist eine Holzkirche, typisch skandinavische Bauart. Sie besitzt diese spezielle Mischung aus Raumklang, der wenig sakral, dafür intim klingt – und dennoch das Volumen mitbringt.“ Die Idee war, ein Projekt durchzuführen, bei dem jeder Schritt – von der ersten Probe bis zum Abschalten des letzten Mikrofons – in völliger Stille geschieht.

Klingt spannend, klingt aber auch aufwendig. Was es dem Prinzip der besonderen Aufnahme nicht leicht machen dürfte. Denn Plattenlabels handeln nicht vorrangig in einem kulturellen Auftrag, so wenig naiv sollte man sein, das zu wissen: There’s profit to be made. Ist also der ganze Fokus auf den Aufnahmeprozess als Teil der Kunstform ein Showstopper, weil er zu wenig Effizienz verheißt und mehr Kosten produziert? Johann Günther lässt dieses Argument nicht gelten.

„Die Frage nach dem Geld hat sich für mich erst einmal nur sekundär gestellt. Mit meinem Label ging es darum, einen experimentellen Raum zu öffnen, Dinge zu probieren. Dennoch glaube ich nicht, dass es unbedingt bedeutet, dass man viel länger und viel teurer produziert. Unsere ‚Music in Silence‘ war im Verhältnis zu einer Standard-CD-Produktion zwar teuer, aber zum Beispiel für das ‚The Well-Prepared Piano‘ gilt das nicht. Man benötigt nur in der Vorbereitung mehr Zeit, um herauszuarbeiten, wie man an die Aufnahme herangeht.“

Tropfsteinhöhlen und Lebenshilfe

Der Ansatz, den Johann Günther im Rahmen seines #bebeethoven-Projekts beim Festival des PODIUM Esslingen sowie beim #bebeethoven Festival in Bonn vorstellen wird, bringt die Klassik an einen ganz zentralen Punkt. Ob Making-Of-Podcast, Entstehungs-Blog oder Publikumsinteraktion vor Ort: Man dringt ein in zeitgemäße Lebenswelten. An solchen interaktiven Schnittstellen wird das Thema Klassik eben auch medial anschlussfähig für jüngere Generationen.

Eine bis heute existente Pop-Marke kommt in diesem Zusammenhang in den Sinn, eine, in der sich eigentlich viel wiederfindet von jenen Ideen, mit denen Johann Günther die Klassikaufnahme wachzuküssen sucht. Man erinnere sich an das Jahr 2000: Eine Tropfsteinhöhle – was für ein Klangraum! Vor Publikum spielen hier die Fantastischen Vier ein Konzert. Die Clips und Aufnahmen aus der MTV Unplugged Session der Stuttgarter Evergreen-Rapper geraten schon bei ihrer Entstehung unter Kultverdacht – und es gelingt ihnen tatsächlich, ihre Zeit bis heute zu überdauern. Also, wie nah können sich Klassik und Pop kommen, ohne dass das Kartellamt einschreiten muss?

„Faszinierend ist vor allem dieses Verpflanzen einer bestimmten Musik an einen außergewöhnlichen Ort.“

„Ich habe das schon mit Interesse verfolgt“, Johann Günther muss ein wenig schmunzeln. „Faszinierend ist vor allem dieses Verpflanzen einer bestimmten Musik an einen außergewöhnlichen Ort. Wenngleich es hier doch eher um das Visuelle und das Event gegangen sein dürfte, als um das Audio an sich. Aber es gibt eine Ähnlichkeit – und ich kann mich dafür dann auch begeistern.“

Der Ort kann genau wie die Zeit viel für ein Stück bedeuten, beide kontextualisieren es. Sie aus dem fertigen Produkt auszuschließen, kann die Folge haben, dass ein Werk zu viel verschenkt.

Johann Günther macht mit seiner Arbeit in jedem Fall Möglichkeiten sichtbar. Möglichkeiten, wie der Krise klassischer Veröffentlichungen begegnet werden kann – und wie neue Aufnahmen auch bereits katalogisierter Werke nicht bloß via Marketing am, sondern durch Einbeziehung von Kontext im Leben gehalten werden können.

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