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Folge #8:
Barfuß
die Welt retten

Ein Beitrag von
06-08-2020

Klimakrise, Rassismus, Menschenrechtsverletzungen: Kann man angesichts dieser Probleme die Welt verbessern mit Musik? Juri de Marco findet: Klar! Der Hornist mischte mit seinem STEGREIF.orchester nicht nur die Klassik-Szene auf – in Konzerthäusern ebenso wie auf Demonstrationen oder bei Nachbarschafts-Jams schafft er Bewusstsein für Themen, die ihm am Herzen liegen.

Irgendetwas ist da, in Juri de Marcos Blick. Etwas, das man bei nicht allzu vielen Menschen sieht. Es gleicht einer Mischung aus rasender Neugier und wilder Entschlossenheit, aus Melancholie und ironischem Witz. Dieser Blick kann das Gegenüber in Verlegenheit bringen, wirkt er doch, als würde sein Besitzer nicht nur zuhören, sondern regelrecht eindringen wollen in das, was gerade gesprochen wird. Ein Blick, so radikal im Jetzt, dass er den Moment verlangsamen kann. Wie gerne würde man in den Kopf dahinter schauen können!

Sich im Gespräch zu öffnen, diesen Einblick zumindest zu ermöglichen versuchen, dazu ist Juri de Marco sofort bereit. Er redet und denkt und assoziiert in einem ungebremsten Fluss und entdeckt sich dabei selbst immer wieder neu. Dann lacht er und sagt, komisch, manche Dinge fielen ihm jetzt selbst erst auf – zum Beispiel, wenn es um Querbezüge zwischen seinem Schaffen und den Biografien mancher Familienmitglieder geht, oder um ganz simple Dinge wie den Tag seiner Geburt. Doch dazu später mehr.

„Musik ist eine Sprache, die echt viele Menschen verstehen, und damit ein Schlüssel zu Bereichen wie Demut, Akzeptanz und Aufmerksamkeit.“

Seit einigen Jahren kennt man de Marco in der Musikwelt als Erneuerer der bekannten Formen – und etwa genauso lange auch in den Künstler- und Aktivisten-Kreisen darüber hinaus. Der heute 27-Jährige, von Haus aus Hornist, gründete 2015 das Stegreif-Orchester, mit dem er die Aufführungspraxis des klassischen Konzerts von Grund auf veränderte. Dabei ist seine Combo kein Revolutionsensemble, hier will niemand das stille Sitzen und andächtige Zuhören vor einer Bühne mit schwarz gekleideten Musiker*innen abschaffen. Das Ziel ist vielmehr, es selbst anders zu machen: aufzustehen, zu improvisieren, das Spielen mit einer Choreografie zu verbinden, sowie die bekannten Werke – Brahms‘ 4., Beethovens 9. – mit zeitgenössischer, folkloristischer, jazziger Musik. Das Publikum einzubinden, gemeinsam zu singen, sich im Raum zu bewegen – bevorzugt barfuß. Rekomponiert und reinszeniert ist die Musik jedes Mal so überraschend und anders, dass es die Besucher*innen staunend zurücklässt.

Genau hier liegt sein Schwerpunkt als Fellow des Projekts #bebeethoven: Wie kann die Aufführungsform klassischer Konzerte und Opern neu gedacht und weiterentwickelt werden? Das alles hat nicht zuletzt Auswirkungen auf etablierte Strukturen wie die Proben- und Interpretationsarbeit eines Orchesters. Als Fellow entwirft de Marco ein Bild davon, wie die Erneuerung der Aufführung und Rezeption nicht nur funktionieren, sondern Zukunft haben kann.

Mit seinem selbst gegründeten Stegreif-Orchester jedenfalls wurde de Marco in der Szene der jungen wie auch etablierten Klassik gleichermaßen schlagartig bekannt und spielt seither in den großen Konzerthäusern des Landes, vor Managern und Telekom-Vorständen, auf der Straße, bei Demonstrationen und Festivals, in der eigenen WG. Von Anfang an ist er als Künstler auf diese Weise auch aus der Musikwelt hinausgetreten – denn es geht ihm nicht einfach nur ums Musikmachen. „Musik“, sagt er dazu, „ist ein großartiges Tool.“ Ein Werkzeug, um die Seelen und Köpfe der Menschen für die Botschaften zu öffnen, die ihm wichtig sind: „Musik ist eine Sprache, die echt viele Menschen verstehen, und damit ein Schlüssel zu Bereichen wie Demut, Akzeptanz und Aufmerksamkeit“, sagt de Marco. „Es ist etwas völlig anderes, wenn du Musik machst und dabei zu den Leuten sprichst, als wenn du dich als politischer Redner einfach so auf eine Bühne stellst. Die Leute haben eine ganz andere Bereitschaft, dir zuzuhören.“

„Wir leben gerade im Zeitalter der wirklich guten Alternativen“

De Marcos Botschaften betreffen zuallererst einen Bereich: Nachhaltigkeit. Für ihn bedeutet das aber nicht nur, auf Plastik zu verzichten und Omas Jutebeutel weiterzuverwenden. „Nachhaltigkeit heißt auch, sich die Frage zu stellen, in welcher Welt wir leben und wie wir sie zurücklassen wollen“, sagt er. „Sich bewusst zu werden: Wie gehen wir mit Dingen und auch miteinander um? Es geht um Mission statt Ablenkung, um Liebe, Awareness, um nur einige zu nennen.“ Mit all diesen Werten im Hinterkopf und im Bewusstsein wäre auch Rassismus, wären Menschenrechtsverletzungen und Diskriminierung zu überwinden.

„Viele wollen nicht auf Luxus verzichten, aber wenn man ihnen wirklich gute Alternativen zeigt, dann machen sie’s.“

„In meiner WG“, erzählt er, „habe ich ein Projekt gestartet. Jeden zweiten Sonntag mache ich eine Chorsession für das komplette Haus, für 45 Wohnungen in vier Gebäuden, für Menschen aus ungefähr 20 Kulturen. Wir klingeln und laden die Leute ein, wir plauschen mit den Alten, Jungen, Kranken und bringen sie zusammen, brechen die Anonymität auf.“ So etwas sei für ihn auch Nachhaltigkeit: „Für mich sind diese Sessions jedes Mal eine riesige Horizonterweiterung, und der Weg dahin ist die Musik – wenn auch das Eigentliche um die Musik herum passiert.“

Was de Marco macht, zeigt den Menschen, die ihn sehen und hören, Möglichkeiten auf, wie und wo Nachhaltigkeit funktionieren und vielleicht sogar Freude bereiten kann. „Viele wollen nicht auf Luxus verzichten, aber wenn man ihnen wirklich gute Alternativen zeigt, dann machen sie’s.“ Er macht eine kurze Pause. Und dann sagt er: „Ich finde, wir leben gerade in einem Zeitalter der wirklich guten Alternativen.“

Ein eigenes Universum zwischen Hühnern und Kälbern

Woher Juri de Marcos Drang kommt, die Welt zu verbessern, sie zu einem lebenswerteren Ort zu machen, mag verschiedene Gründe haben. Manche findet man sicherlich in der Familie und dem, was dem wissbegierigen Jungen dort vorgelebt wurde. Seine Mutter brachte de Marco in dem alten Bauernhaus zur Welt, in dem die Familie damals lebte, im Jahr 1993, mitten in der schwäbischen Alb. Es war Anfang April, und das erste Mal seit 27 Jahren lag in diesem Monat eine dichte Schneedecke über der Landschaft. De Marco wurde „zwischen Hühnern und Kälbern“ geboren, erzählt er und lacht dabei: „Sehr idyllisch“.

Die Eltern sind beide Musiker und verdienen mit der Musik ihr Geld, doch ist es bei beiden deutlich mehr als einfach nur Arbeit. De Marcos Mutter – Fagottistin im örtlichen Orchester – gründet bald ihr eigenes Festival, eine Zusammenkunft von 250 Fagottist*innen im Alter von 5 bis 90 Jahren, die gemeinsam bekannte Werke interpretieren. Der Vater – Querflötist – verließ das Orchester, in dem er seine Frau kennenlernte, nach nur einem Jahr, weil ihm das „Format“, wie Juri es nennt, nicht passte. Zum Abschied komponierte er noch ein exorbitantes Opern-Oratorium „mit LED-Leinwänden und Chor“ – es ging um Kassiopeia, die Göttin, die der antiken Sage zufolge mit einer Behauptung den Zorn des Neptun auf sich zieht und von Perseus in letzter Sekunde gerettet wird. Ein fulminanter Abschiedsgruß und der Beginn einer ganz neuen Richtung: Der Vater studierte Filmkomposition und brachte sich Kameratechnik bei. Heute arbeitet er als Kameramann, Producer, Cutter und Komponist, und manchmal schneidet er Konzerte und Aktionen seines Sohnes und dessen Orchester mit.

Doch es waren nicht nur die Eltern, die sich innerhalb des Systems, innerhalb der Musikwelt ihre eigenen Universen erschufen und Dingen und Ideen auf die Welt halfen, die ganz ihre eigenen waren. Genauso hat Juri de Marco einen in Los Angeles lebenden Filmkomponisten als Onkel sowie einen, der leidenschaftlich rappt und seine eigene Musikschule gründete. Beide Großväter spielen Klavier und Orgel, einer sammelt gar Tasteninstrumente und baute als Architekt sein Haus um eine Orgel herum, die er – so unglaublich es klingt – aus einer Dorfkirche „gerettet“ hatte, die durch ein elektronisches Instrument ersetzt wurde. Eine seiner Großmütter arbeitete als Cello-Lehrerin und führte einen Buchhandel. Die Familie wuchs nach der Trennung der Eltern zur Patchwork-Familie neu zusammen: De Marco verbrachte seine Kindheit mit vier Geschwistern, darunter zwei aus der zweiten Ehe des Vaters und eines aus der ersten Ehe der Mutter.

„Ich wünsche mir, dass Räume geschaffen werden, in denen Unterschiedlichkeit in der Gesellschaft entstehen kann.“

Diese Welt, die Juri de Marco von kleinauf anvertraut wurde, ist eine Welt, die sich verändert. In der sich Menschen trennen und andere hinzukommen, in der Träume konkretisiert und umgesetzt, in der ferne Orte anvisiert und bereist werden. Eine Welt, in der Ideen zu Gold werden, und die durchwoben ist mit Musik – und zwar in allen Genres und Typen, als Hobby und Beruf, in Form von Sammelobjekten und als gesellschaftliches Event. Von alldem hat Juri die Teile in sich aufgenommen, die ihn in seinem Weg bestärkten – er reiste gar zurück in das winzige Dörfchen im Norden Italiens, wohin die Recherche nach den Wurzeln der Familie ihn geführt hatte. „Ich trete in die Fußstapfen meines Opas mütterlicherseits und habe die Ahnenforschung weitergemacht“, erzählt er. „Ich habe in alte Kirchenbücher geschaut und Stammbäume gemalt und all so Zeug.“ Und am Ende wusste er ein kleines bisschen mehr, woher er kommt – und wohin er will.

Unterschiedlichkeit akzeptieren, wertschätzen, ermöglichen

Ein bisschen ist sein Geist wie ein Schwamm, der das Wesentliche aufsaugt, was in seiner Umgebung gedeiht. Seine Art zu arbeiten ist kein blindes Fühlen-und-Machen, sondern die Folge aus bewussten Abwägungen und Reflexionen, die auf Informationen basieren, die er sich ebenso bewusst herausgesucht und erarbeitet hat. Die Quelle von alldem ist Vielfalt. Fast scheint es, als sei sie das Prinzip, das in seiner Familie das Über- und Zusammenleben und das Über-sich-Hinauswachsen überhaupt ermöglichte – genau wie bestimmte exotische Pflanzen ein ganz bestimmtes Umfeld benötigen, um zu maximaler Größe zu wachsen. „Mein allergrößtes Ziel ist, dass wir anfangen, Unterschiedlichkeit wertzuschätzen, zu akzeptieren und zu mögen“, sagt de Marco. „Aber mehr noch: Ich wünsche mir, dass Räume geschaffen werden, in denen Unterschiedlichkeit in der Gesellschaft entstehen kann.“

Es reicht ihm nicht, mit dem Stegreif-Orchester auf Bühnen zu stehen und dort seine Botschaften zu artikulieren. Denn sein politisches Denken beginnt ganz klein, direkt bei sich selbst: „Ich habe vor einiger Zeit eine sehr berührende Performance gesehen, die einiges in mir aufgerüttelt hat“, erzählt de Marco. „Wie gehe ich weiter, was ist mein Lebensinhalt? Wie soll ich weitermachen, wenn um uns herum alles vom Aussterben und von Naturkatastrophen bedroht ist?“ Es war eine Initialzündung: „Seitdem setze ich alles in den Kontext: Wo fahre ich hin? Wo esse ich? Alles sendet Signale, jeder einzelne Griff, jeder Satz.“

Und wie Juri de Marco so ist, teilt er all das mit seiner Community. „Ich wollte eine Bewegung gründen, eine Bewegung ohne Namen“ – konkret: Ein Ort, an dem sich Künstler*innen zusammentun mit einem Core-Team aus Naturwissenschaftler*innen, Politiker*innen, Influencer*innen, „Erleuchtete und so weiter“, wie er es nennt, die die Kunst unterstützen und in ihren Prozessen begleiten. Die Welt, sagt er, solle durch das Projekt intensiver und schöner erfahrbar gemacht werden – mit Videos, mit Musik, Kunst, im Internet, analog. Doch nicht sofort: „Ich dachte, wir brauchen eine Deadline für Entscheidungen, um den Menschen die Zeit zu geben, mit Abstand auf ihr Handeln zu blicken. Man hört immer: Wir haben keine Zeit, um besser zu werden, um die Klimakatastrophe zu stoppen – aber was da fehlt, ist Raum zum Denken.“ Zwei Jahre soll jeder in diesem Projekt Zeit haben, um „richtig krasse Entscheidungen zu treffen“, an einem Tag X – jede und jeder in dem Feld, in dem sie oder er agiert. Wann das sein könnte? Juri denkt da an den 22.2.2022 – der Tag einer Bewusstseinsentscheidung für die Welt. Der Zuspruch, sagt de Marco, sei bereits jetzt sehr groß.

Wenn man ihm so zuhört, mag man sich fragen, ob er überhaupt Zeit hat zu schlafen – oder ob er nicht vielmehr Tag und Nacht durcharbeitet, um all das zu realisieren, was er anvisiert. Die typischen Mechanismen, die andere Menschen in ihrem Elan und in ihrer Hoffnung ausbremsen – Stress, Erwartungsdruck, Unzufriedenheit –, gegen die scheint Juri de Marco immun zu sein. Wie auch immer er das macht. Vielleicht ist es diese Mischung, die man auch in seinem Blick erkennt: rasende Neugier und wilde Entschlossenheit – aber bei alldem eine gesunde Distanz zu sich selbst.

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