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Musik für Herz und Atem © Leonard Higi

Aus dem Nichts – Anfang einer Komposition

Ein Beitrag von
22-05-2018

Der Anfang kommt eigenwillig – aus dem Nichts erfahre ich Musik und lerne sie zunächst kennen. Man könnte es ein Gefühl oder einen Bewusstseinszustand nennen.

Ich schalte alles Ablenkende aus, um mich diesem Unbekannten gänzlich hingeben zu können. In der Stille wird das Fenster zum Unbekannten deutlicher und weitreichender. Mit aufgesetzten Kopfhörern aber ohne Musik laufe ich ziellos in der Natur herum und höre mir die Klänge, Phrasen, Melodien und Rhythmen dieses Bewusstseins an. Noch ist der Marmor ein Block und die Skulptur muss herausgemeißelt werden.

 

Anfangen mit Kaan Bulak © Sharlene Durfey

Kaan Bulak © Sharlene Durfey

 

Die Balance zwischen den formgebenden Elementen finde ich durch das innere Zuhören und das assoziierende Betrachten der Natur. In einem Fluss sind unendlich viele Polyrhythmen in den Wellen sichtbar, die Bewegungen der Blätter bilden Artikulationen und erweiterte Spieltechniken. Es mag schizophren klingen, dass aus den Stimmen in meinem Kopf die einzelnen Stimmführungen eines Werks entstehen, aber ich sehe darin die immanenteste Herangehensweise, die sich ausschließlich mit meinem Dasein beschäftigt.

„Denn wieso sollte ich komponieren, wenn es nicht zu einem befreienden Dasein führt?“

Grafische Skizzen mit kurzen Stichpunkten halten einen Umriss des Werks fest. Dieser liegt stets vor mir, wenn ich am Klavier Improvisationen aufnehme. Manche Passagen sind derart intuitiv, dass diese polyphon in einem Schlag aufgenommen werden können; für andere braucht es dann doch eine genauere Betrachtung der einzelnen Führungslinien, da ihre musikalische Tiefe mein improvisatorisches Können übersteigt und ihre Phrasen durchkomponiert werden wollen.

Musik aus Marmor

Der Marmorblock hat seinen Umriss erhalten, jedoch lässt sich das Ergebnis nur erahnen. Ich höre mir die Aufnahmen an und schreibe die Musik nieder, so entsteht die Partitur. Dieser Schritt ist einer Reduktion gleichzusetzen – zu den Sachen selbst. Ich gehe zum Anfang zurück und frage mich, was im Prozess unnötig dazugekommen ist, und nehme all dies weg – bis lediglich die Essenz der Sache übrig bleibt. Ich verzichte auf pedantische Einleitungen, Glossare der Spieltechniken und sonstige Beihilfen, denn diese wären bei meiner Musik keine Hilfestellungen, sondern abschreckende Grenzen, die die Musiker in ihrem intuitiven Spiel einschränken würden.

Reduziert und musikalisch stelle ich die Noten fertig, sodass genug Freiräume zur Interpretation übrig bleiben. Nun übergebe ich meine vollendete Skulptur Musikern – es ist ihre Aufgabe, diese in einer richtigen Umgebung und einem richtigen Lichteinfall auszustellen. Wenn ich richtig vorgegangen bin, kann die Skulptur auch miserabel ausgestellt werden und dennoch strahlt sie ihren Charakter, ihre Form und Essenz weiterhin aus.

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